Für immer?

Ich bin zur Zeit ernsthaft am Zweifeln, ob das mit der großen Liebe für immer und ewig wirklich eine gangbare Option ist oder nicht doch nur ein Marketingschwindel, der uns daran hindern soll, vorschnell zu verbittern. Gut, dass meine Beziehung kürzlich zerbrach, so what, ich bin erst Mitte Zwanzig, das war mein erster richtiger Freund, wäre ja auch unverschämt großes Glück gewesen, gleich auf Anhieb den Hauptgewinn zu ziehen. Da ist schon noch Luft nach oben. Aber wenn ich mich mal eine Generation darüber umsehe: all die Paare in meinem Bekanntenkreis, plusminus fünfzig, ein bis zwei Kinder, Eigenheim, jeder macht sein Ding, klassisches Muster, jetzt werden die Kinder, der verbindende Kitt, langsam flügge und schmerzlich wird man sich bewusst, dass die gemeinsamen Themen sich auf „Aber du hast versprochen, diese Woche die Hecke zu schneiden!“ und „Ist die Milch schon wieder alle?“ reduziert haben. Hinzu kommen natürlich noch all diejenigen, die die Fahrtrichtung schon früher erkannt und die Trennung bereits hinter sich gebracht haben. Ich war immer eine große Romantikerin. Liebe auf den ersten Blick, das war nicht so mein Ding, eher die Jane-Austen-Nummer, in der die junge, hübsche Hauptdarstellerin zufällig diesen großen, unhöflichen Typen mit dem markanten Gesicht kennenlernt, gleich bei ihrem ersten Zusammentreffen mit ihm aneinander gerät und trotzdem ist dem geneigten Zuschauer klar, dass spätestens nach 120 Minuten das gemeinsame Happy End folgt. Das war immer mein Wunschbild. Inzwischen mache ich mir ernsthaft Gedanken darüber, ob „friends with benefits“ ein dauerhaft umsetzbares Konzept ist. Aber wohl eher nicht, nicht langfristig, nicht für mich, jedenfalls. Das wird spätestens bewusst, wenn in dieser kitschigen BBC-Produktion nach vier Stunden Drama er zu ihr fährt und sie zu ihm, und natürlich verfehlen sie sich, aber beim Halt an einem Bahnhof in der Mitte treffen sich die beiden Züge, sie sehen sich sofort, treffen sich auf dem Bahnsteig und nach kurzem Gespräch folgt der obligatorische Kuss, der in Wirklichkeit zu dieser Zeit in dieser Gesellschaft so undenkbar gewesen wäre, alles geht gerade noch einmal so gut aus, und ich sitze vor dem Fernseher und bemerke erst beim Abspann, dass sich meine Hand ins Fell meiner Katze gekrallt hat und ich beinahe zwanghaft das kleine schnurrende Lebewesen an meiner Seite streichle und herze und an mich drücke, um dieses fast schon schmerzhafte Schmetterlingsgefühl in der Magengrube zu katalysieren. Vielleicht ist „für immer“, die wirklich gute, befriedigende Variante davon, seltener als ein Sechser im Lotto. Aber ich werde trotzdem danach suchen.

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10 Kommentare zu “Für immer?

  1. Interessante Frage. Ich werde da auch etwas zu schreiben. Ich denke, dass es keine Allzwecklösung für jede Situation gibt. Du kannst Dir den feurigen Lover nehmen, mit dem Du den wahrscheinlich besten Sex Deines Lebens hast und trotzdem weißt, dass Du mit ihm nicht einen Monat Alltag überstehen würdest. Du kannst Dir den perfekten Mann für den Alltag suchen und wirst Dich irgendwann fragen, ob Dein Leben nichts spannenderes zu bieten hat als perfekten Alltag. Und Du hast ganz viele Zwischenstufen. Ich denke allerdings, dass man sich damit abfinden muss, dass man nicht alles haben kann.

    Ich denke viele Paare spielen jahrelang eitel Sonnenschein so lange die Kinder kleiner sind. Es staut sich aber viel auf und irgendwann bricht es dann raus. Dann ist da nur noch Hass und die vermeintliche Hoffnung, dass das Gras auf der anderen Seite grüner ist.

    Wenn man sich damit abgefunden hat und bereit ist immer wieder an der Beziehung zu arbeiten, dann wird man immer wieder Täler und Berge erleben. Bei jedem Berg muss man neue Kraft sammeln und in jedem Tal versuchen rechtzeitig Druck aus dem Kessel zu lassen. Das klappt manchmal besser und manchmal weniger gut.

    Ich bin davon überzeugt, dass eine lange Beziehung wie ein Marathonlauf ist. So ab 30 km tut es richtig weh und es sind nicht mehr viele Leute auf der Strecke. Aber wenn man ins Ziel kommt ist das Gefühl unbeschreiblich. Was ist das Ziel in einer Beziehung? Ich weiß es nicht und ich habe noch viele „km“ vor mir. Aus heutiger Sicht denke ich an Enkelkinder und dass ich das mit meiner Frau zusammen erleben will. Schaun mer mal.

    • Mit den Zwischenstufen und dem Nicht-alles-haben-können stimme ich dir vollkommen zu. Aber zu den jungen Sonnenschein-Elternpaaren: dass einiges unter den Tisch gekehrt wird, kann ich mir vorstellen. Dass das irgendwann rauskommen muss, auch. Aber glaubst du, dass es sich dabei überwiegend um Hass handelt? Ich hatte die Situation selbst noch nicht, habe Ähnliches aber schon mehrfach mitbekommen, unter anderem bei meinen Eltern, und meistens war es eher ein Auseinanderdriften der Interessen, Ziele, Prioritäten, das dann letztendlich zur Trennung führte. (Wobei ich letztens ein Gespräch mit einer Bekannten führte, Mitte vierzig, zwei halbwüchsige Kinder, kriselnde Ehe, die mir von ihrem Mann K. erzählte und von ihrem langjährigen Freund J., den sie vorher hatte. Sie meinte: „J. war ganz großartig, liebevoll, fürsorglich, immer für mich da. Aber das hat mich irgendwann so gelangweilt! Er hat mir sogar verziehen, dass ich ihn betrogen habe. Dann habe ich mich von ihm getrennt. Mit K. ist es so schwierig, er ist so stur, aber langweilig wird mir mit ihm nie.“ – Was wieder auf das Nicht-alles-haben-können zurückweist.)
      Deinen Marathonvergleich finde ich ganz schön ernüchternd. „Ab 30 km tut es richtig weh.“ Tut es wirklich weh oder ist es nur öfters grau als bunt? Denn im Gegensatz zum Marathon sollte in einer Beziehung doch eher der Weg das Ziel sein als irgendein willkürlich festgesetzter Endpunkt, oder?
      Ich bin schon sehr gespannt auf deinen Beitrag zum Thema, ich finde deine Argumente immer sehr interessant und bedenkenswert.

      • Du hast schon Recht. Es ist nicht nur Hass oder nur unterschiedliche Interessen. Beim einen so und beim anderen so. Es gibt bestimmt viele, die sich auseinander gelebt haben. Solange es keine neuen Partner gibt wird das entweder so weiter gehen oder man trennt sich einvernehmlich. Bei neuen Partnern kommt eher der Hass, wenn der eine etwas hat, was der andere auch gerne hätte.
        Ich finde den Marathonvergleich sehr passend. Du kannst Dir die Strecke ja aussuchen. Du kannst den New York Marathon oder den Stockholm Marathon laufen. Die Schmerzen werden bei beiden mehr oder weniger gleich sein. Vielleicht hilft Dir die Skyline von NYC besser als die Stadtviertel von Stockholm oder umgekehrt. Tut es wirklich weh? Bei manchen schon, besonders wenn man das Gefühl hat, dass es besser ist aufzugeben. Vielleicht weiß man aber auch, dass der Partner bei KM 35 wieder wartet und man weiß, dass man diesen Partner nicht unnötig warten lassen will. Und wenn man dann dieses Lachen, die leuchtenden Augen sieht, dann will man es vielleicht auch bei KM 40 noch einmal sehen und dann schafft man auch die letzten 2km.
        Ich denke was man vom Laufen auf die Beziehung übertragen kann ist, dass man etwas bis zum Ende durchziehen sollte, damit man beim nächsten Lauf bzw. Beziehung nicht an der gleichen Marke „Angst“ bekommt.

          • In der Liebe gibt es idealerweise kein Ende bzw. es ist das berühmte „bis das der Tod uns scheidet“. Ich denke allerdings, dass das Leben unterschiedliche Phasen hat. Die Übergänge sind fließend aber letztlich ist jede Phase einmal zu Ende und das ist dann wie bei einem Marathon. Am Anfang einer Beziehung eher wie ein Sprint und dann wird es immer länger.

  2. Es lohnt sich auch daran zu glauben und auf der Suche nach DER großen Liebe zu sein. Allerdings glaube ich nicht daran, dass man den einen Menschen findet, der einem für immer dieses Schmetterlinge schenken kann. Du kannst aber einen Menschen finden, der besonders gut zu DIr passt, und das ist die eigentliche Herausforderung. Schönen Start in die Woche & Liebe Grüße Peppa

    • Nein, das Schmetterlingsgefühl ist mit Sicherheit keine dauerhafte Einrichtung. Wäre auch ganz schön anstrengend! Aber ab und zu gibt es auch in längeren Beziehungen solche Momente, und die sind vielleicht nicht das Ziel, aber ein Symptom von Liebe. Das mit dem Menschen, der besonders gut zu einem passt… da liegt ja schon wieder die nächste Schwierigkeit. Einen finden, der jetzt passt – nicht ganz einfach, aber möglich. Aber ich bleibe ja nicht so, wie ich jetzt gerade bin. Abgesehen von Stimmungsschwankungen aller Art entwickle ich mich ja auch langfristig weiter, und der potentielle Partner ja hoffentlich auch. Und woher weiß ich schon jetzt, ob wir uns in die gleiche Richtung entwickeln werden, in der gleichen Geschwindigkeit? Das finde ich gerade das Schwierige, weil es so unplanbar ist. Und daher auch die eingangs gestellte Frage nach dem „immer“. Lebensabschnittsgefährten finden sich schon. Echte Lebensgefährten sind eine seltene Spezies.

  3. Die Frage ob „Friends with Benefit“ ein gutes Konzept ist habe ich mir auch schon oft gestellt, gerade in meiner jetzigen Situation. Ich denke wenn man genug Distanz zueinander hält, es geht eine Weile gut, aber nie für immer. Und wenn einer sich verliebt ist es eh vorbei. Und man wird sich auch nicht in letzter Sekunde am Bahnhof treffen, in die Arme fallen und heiraten… Das ist eben nur so im Film. In der Realität wird der eine am Bahnhof heulend wegfahren, der andere lebt sein Leben weiter als wäre nix gewesen!

    • Ob man das Friends with benefits oder Fuckbuddy nennt ist so wie man von Patchworkfamilie oder Stieffamilie spricht. Das eine klingt besser, aber ist das gleiche drin.
      Ich bin mir sicher, dass es da draußen das eine oder andere positive Beispiel gibt, aber über kurz oder lang verliebt sich einer und dann ist es entweder eine „normale“ Beziehung oder aus. Als 3. Alternative wäre da noch, dass einer leidet wie ein Hund.

  4. Pingback: Gehen oder Bleiben | Omnis amans amens

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