Lebensentwürfe

Samstag Abend, Spätschicht in der Arbeit. Ich springe für einen kranken Kollegen in einem anderen Bereich ein und arbeite daher zusammen mit einem weiteren Kollegen, ein netter, unauffälliger Mann Mitte 50, mit dem ich normalerweise keinen Abenddienst mache. Unsere Arbeit besteht größtenteils aus einer Art Bereitschaft – im Zweifelsfall müssen wir springen, aber normalerweise ist nicht viel los. Wir haben uns beide darauf eingestellt und etwas zum Lesen mitgebracht: ich einen Studienbrief, er die Bildzeitung. Als ich mein dickes Skript und einen Textmarker aus der Tasche hole und mich ans Durcharbeiten mache, schaut er neugierig – bislang weiß er nicht, dass ich studiere -, sagt aber nichts. Erst als ich schon auf Seite 27 angelangt bin, fragt er nach, was ich da eigentlich mache. „Ich studiere nebenbei. Kulturwissenschaften.“ – Er runzelt für eine Millisekunde die Stirn. „Ja, wenn es dir Spaß macht…“ – „Ja, ich finde das ganz spannend. Und weißt du, ich will diesen Job hier nicht mein Leben lang machen.“ – Wieder dieser kurze, ungläubige Ausdruck, der über sein Gesicht huscht, dann klärt sich sein Blick auf: „Na klar, wenn du dann mal verheiratet bist, ist das ja nichts, immer abends zu arbeiten…“ Und er beugt sich wieder über seine Bildzeitung. Conchita in Cannes ist eine der Schlagzeilen auf der Titelseite und dahinter Bilder von Conchita Wurst im Paillettenkleid, Conchita Wurst Arm in Arm mit Sharon Stone – aber dass diese Person geradezu der lebende Beweis dafür ist, dass Lebensentwürfe heutzutage nicht mehr so sein müssen, wie sie immer schon waren, davon schreibt die Bild nichts.

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9 Kommentare zu “Lebensentwürfe

  1. Ich dachte immer, dass Du hauptsächlich studierst und nebenher arbeitest. Scheint eher umgekehrt zu sein.

    Der Spruch mit Abends was anderes zu machen, wenn Du verheiratet bist klang nach Deinem Mann die Pantoffeln holen und die Bratkartoffeln machen. Ob das so erstrebenswert ist.

    • Naja, die war von allen Schlagzeilen dort die passendste zu diesem Thema. Aber um ehrlich zu sein, war das Conchita-Kästchen nur ziemlich klein im Vergleich zum Artikel über die „Knast-Hochzeit“ eines Hells-Angels-Typen. (Europawahl, Wahlen in der Ukraine, Anschläge in Brüssel, Flüchtlinge aus Syrien und ähnliche Themen sind doch völlig irrelevant für die Öffentlichkeit…)

      • Natürlich ist der Rest nicht relevant. Man könnte ja den Leuten ein Bild von der Wirklichkeit schenken!
        Ich mein wer sich wirklich ein Bild der Realität machen will liest aber auch keine BILD

    • Sie macht aus komplizierten Zusammenhängen einfache Schlagzeilen. Und viele Menschen finden das prima, weil einfacher zu verstehen. Naja, und die Mischung aus Skandalen, ausgeprägtem Sportteil und nackten Frauen tut ihr übriges, um bestimmte Zielgruppen zu begeistern.

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