Schlangenfrau

In einer Ballettaufführung sitzend, deren zweiter Teil trotz immenser Leistung der TänzerInnen nicht besonders überzeugte, schweiften meine Gedanken beim Anblick der biegsamen Körper, der scheinbar gelenklosen Gliedmaßen ab: Wenn ich als Kind mit meinen Eltern einen Zirkus besuchte – was nicht besonders häufig vorkam -, interessierten mich die Clowns und die Löwen, die Feuerspucker und Zauberer nicht besonders. Meine Lieblingsartisten waren die Akrobaten, die mit angespannten Körpern und doch so viel Eleganz und Grazie am Trapez schwangen oder in Bändern behende bis zur Zirkuskuppel kletterten. Doch auch unter ihnen hatte ich eine klare Favoritin: In ihren Bann zog mich die Schlangenfrau, die sich, als wäre es völlig alltäglich, in einen winzigen Glaskasten oder in einen Reisekoffer zwängte – stets in einer Abfolge klarer Bewegungen, ohne nachträglich noch ein Bein zurechtrücken oder einen Arm anders hinlegen zu müssen. Vor allem sah alles, was sie tat, jede ihrer Bewegungen, jeder Schritt, jede Drehung unglaublich anmutig und feengleich aus. So wollte ich auch sein. Aber alle Übungen vor dem elterlichen Schlafzimmerspiegel brachten lediglich die Gewissheit, dass meine Qualitäten eindeutig in einem anderen Bereich zu finden sein müssten.

Inzwischen finde ich es gar nicht mehr so schlimm, zur Ausübung meines Berufes nicht Abend für Abend einen türkisfarbenen Ganzkörperbody und Federschmuck im Haar tragen zu müssen. Um die Grazie in der Bewegung beneide ich aber still und heimlich weiterhin sowohl die Balletttänzer als auch die Schlangenfrau.

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Ein Kommentar zu “Schlangenfrau

  1. Jetzt enttäuschst du mich aber! Ich sah dich immer genau in dem Outfit … 😀 😀 😀

    Diese Akrobatik ist nicht für alle Menschen gedacht. Nicht alles ist erlernbar. Ich habe mit fünf Jahren angefangen Karate, Aikido und Kendo zu lernen. Plus die dazugehörige Geschmeidigkeit. Spagat, Salto sind kein Fremdwort für mich. Schaue ich mir aber chinesische Artisten an, so fühle ich mich regelrecht „steif.“ Aber das ist deren Beruf, deren „Ding.“ Dafür kann ich andere Sachen besser. Und du auch 🙂

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