Heimat

Zum ersten Mal zog ich um, als ich sechs Jahre alt war. Mein Vater bekam einen Job in 200 km Entfernung von unserem damaligen Wohnort. Mit neun Jahren kam der nächste Umzug. Meine Eltern kauften sich ein Haus. Dann wieder mit siebzehn. Meine Eltern trennten sich. Als ich zwanzig war, wohnte ich für ein Praktikum ein Vierteljahr lang knapp 200 km entfernt. Mit einundzwanzig zog ich schließlich „richtig“ von zuhause aus, in die Stadt, in der ich jetzt lebe, die ganz okay, aber mit Sicherheit nicht die letzte (und wahrscheinlich auch nicht die vorletzte oder vorvorletzte) Station auf meinem Lebensweg ist.

Es gibt ja Menschen, die ihr ganzes Leben lang in einem Ort, oder doch zumindest in einem sehr eng gesteckten Gebiet leben. Die mit ihren Nachbarn in den Kindergarten und in die Schule gingen. Die jeden kennen, der mit ihnen in der Schlange beim Bäcker steht, und mit dem Großteil dieser Menschen auch noch weitläufig verwandt sind. Das ist ein Leben, das ich mir kaum vorstellen kann.

Ich besuchte den Kindergarten in einem anderen Ort als die Grundschule, und in meiner Klasse im Gymnasium war niemand mehr aus meiner Grundschule. Freunde kamen und gingen, die ältesten Freunde, die ich noch habe, lernte ich erst als Teenager kennen und nicht in der Krabbelgruppe. Ich war immer eine Neuzugezogene. Keine von den Alteingesessenen. Ich sprach nicht den selben Dialekt wie die anderen; genau genommen sprach ich nie einen richtigen Dialekt, sondern mehr oder weniger Hochdeutsch mit Einsprengseln aus allen Gegenden, in denen ich je zuhause war. Hochdeutsch kann ein Fremdheitskriterium sein.

Manchmal frage ich mich, wie es sich wohl anfühlt, einen Ort als Heimat bezeichnen zu können. Na klar, es gibt einige Orte, zu denen ich Geschichten erzählen kann. Wenn ich auf der Autobahn unterwegs bin, freue ich mich, wenn auf einem Schild der Name des Ortes steht, in dem ich meinen ersten Nebenjob hatte, und wenn ich im ICE fahre, schaue ich immer aus dem Fenster an dieser einen Stelle, wo man für anderthalb Sekunden meine alte Schule sehen kann. Aber es gibt keinen Ort, in dem ich mich wie in meiner Westentasche auskenne. Wo ich alle Leute kenne und alle Leute mich, wo ein Elternhaus steht und die ganze Verwandtschaft wohnt, wohin ich immer wieder zumindest für Besuche zurückkehre. Ich stelle es mir schön vor, dadurch ein kleines bisschen äußerlichen Halt zu haben. Allerdings glaube ich, dass dieser Halt zumindest in manchen Fällen durch ein dumpfes Gefühl des Kontrolliert-werdens und des Nicht-ausbrechen-dürfens erkauft ist.

An meinem Leben mag ich, dass ich durch die Umzieherei meiner- und bekannterseits inzwischen in nahezu ganz Deutschland und sporadisch auch darüber hinaus Anlaufstellen habe. Vorausgesetzt, es verschlägt mich nicht gerade nach Salzgitter oder Braunschweig, kenne ich eigentlich überall irgendjemanden. Und ich habe auch das Gefühl, dass das Umherziehen und immer wieder Neuanfangen eine gewisse Offenheit und Flexibilität bewahrt, die mir wichtig ist und die das Über-den-Tellerrand-schauen vereinfacht. Das Immer-ein-bisschen-fremd-fühlen gehört dann wohl einfach dazu.

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6 Kommentare zu “Heimat

  1. Je älter man wird, umso mehr erkennt man, dass Heimat nichts Räumliches, sondern eine Sache des Herzens ist. Ich habe das, was du vermisst – ein Elternhaus, einen Ort, wo man überall Verwandte, Bekannte, Schulkollegen trifft, und dennoch fühle ich mich dort wie überall auf der Welt immer nur ganz punktuell zuhause: nämlich dann, wenn ich bei Menschen bin, denen ich nichts vormachen muss, bei denen ich einfach mit all meinen Freuden, Ängsten oder Sorgen, mit Erfolgen und Misserfolgen auftauchen und da sein kann. Wo ich jederzeit ohne Einladung und ohne Verabredung einen Kaffee, ein Glas Wein, ein Stück Brot und ein Stück Zeit bekommen kann. Heimat – das bedeutet für mich: willkommen sein. Und so will auch ich in dem Umfang, in dem es mir möglich ist, anderen Menschen ein Stück Heimat bieten: Eine offene Tür, ein offenes Ohr, ein offenes Herz.

  2. Ich wollte etwas schreiben, doch was die gluecksfinderin notierte, dem pflichte ich so bei. Wir recht sie hat. Danke

  3. heimatlos
    kann man werden durch zu viel umziehen,
    aber hier ist das nicht der fall…

    ich glaube, ich bin zwischen 10 und 20 mal bisher umgezogen (worden)…
    einen hauch von heimat spüre ich mindestens in drei ländern,
    vllt nicht einmal am stärksten in D, eher in USA oder CH…

    ein interessanter Text!
    LG vom Lu

  4. Ging mir auch lange so, aber aktuell denke ich, in Leipzig wo ich nun lebe könnte ich eine ganze Weile bleiben, so richtig lange, weil ich mir aktuell keinen Ort vorstellen könnte, an dem ich mich wohler fühlen würde. Kann natürlich sein, dass sich das noch einmal ändert, aber gerade fühle ich mich richtig daheim.

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