Lachen

Vor kurzem bekam ich eine Mail von einer Person aus meiner Vergangenheit, die ich sehr wertschätze, auch wenn unsere Lebenswege unterschiedlich verlaufen. Unter anderem schrieb sie über mich: „dein frisches Lachen – selbst wenn du traurig bist“. Das war nicht das erste Mal, dass mich jemand über mein Lachen charakterisierte. Aber das erste Mal, dass jemand explizit die traurige Seite erwähnte. Das brachte mich zum Nachdenken. Ich lache gerne, ich lache viel. Manchmal laut heraus, häufiger still in mich hinein. Ich lache über gute und über schlechte Witze, über Situationskomik, über Wortspiele, über unzählige Szenen in meinem Kopfkino, bei Gedanken an schöne Dinge und gute Erinnerungen. Ich lache aber auch, wenn ich in einer Diskussion nicht mehr weiter weiß, prophylaktisch, um eventuell entstehende Konflikte zu entschärfen, wenn ich mich unwohl in meiner Haut fühle, wenn ich angespannt bin, wenn ich verzweifelt bin. Gelegentlich geht das Lachen dann mit Tränen einher oder gar in einen Heulkrampf über.

Ein Biologe würde mein Lachen wohl als Übersprungshandlung bezeichnen. Und ich frage mich: Was hat es zu bedeuten, dass dieses reflexhafte Verhalten sich bei mir ausgerechnet als Lachen äußert? Ich könnte ja genauso gut wie andere Menschen auch meine Nervosität ausdrücken, indem ich mich räuspere, mich an der Nase kratze, den Blick zur Decke wende, im Raum auf und ab gehe oder dergleichen Dinge mehr. Aber ich lache. Lachen ist, so unter anderen Menschen, erst einmal ein gutes Signal. Es symbolisiert Freundlichkeit, Offenheit, man gesellt sich eher zu lachenden als zu grimmig dreinblickenden Menschen. Bei lachenden Menschen fühlt man sich wohl, sie verbreiten gute Laune und eine herzliche Atmosphäre. Vor ihnen hat man keine Angst, und sie ermuntern dazu, selbst mitzulachen, die eigene Anspannung fallen zu lassen.
Und genau das ist wahrscheinlich der Grund für mein beinahe permanentes Lachen: Der Versuch, eine freundlich-friedliche Atmosphäre zu schaffen, in der Konflikte möglichst gar nicht erst entstehen. Ich bin harmoniebedürftig, beinahe schon -süchtig und definitiv konfliktscheu. Ich startete schon mehrere Versuche, mal ernster zu bleiben. Seriöser aufzutreten. Statt freundlich, wissend, spitzbübisch, mitfühlend, neckend, heiter, unschuldig oder anders zu lächeln, einfach mal die Mundwinkel unten zu lassen. Hat nie geklappt. Spätestens wenn so ein richtiger Alphamensch – also so einer, dessen Präsenz man schon auf zehn Meter Abstand beinahe physisch spürt – dazu kommt, schalten meine Gesichtsmuskeln wieder in den automatischen Freundlichkeitsmodus, völlig egal, ob das gerade zu meiner Stimmung passt oder nicht. Und ich befürchte, ich muss damit einfach leben. Vielleicht schaffe ich es mal, in ein paar (oder mehr) Jahren, reicher an Lebenserfahrung und etwas erwachsener aussehend, den Lächelschalter willentlich umzulegen. Aber ein Alphamensch werde ich wohl nie werden.

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13 Kommentare zu “Lachen

  1. Da kann ich Ben Fröhlich nur recht geben : bewahre dir das Lachen, deine Freundlichkeit. Mir sagt man nämlich immer nach, ich würde so böse schauen, obwohl das gar nicht der Fall ist. das ist eben meine Mimik.

  2. Warum zweifelst du an dir? Du machst dich selbst klein mit diesen Zweifeln und das muß nicht sein. Viele Menschen lächeln aus Unsicherheit, oder haben etwas zu verbergen. In Japan wird auch viel gelächelt. Meist um die Harmonie nicht zu gefährden. Es ist ein Reflex vieler Menschen, oder einstudiert. Ich lächele viel mehr in einem Blog, oder Chat. als im wahren Leben. Dort nur, wenn mir danach ist. Und nicht immer ist mein Lächeln Ausdruck von Heiterkeit.

    Nervös zu sein hat Tradition bei Menschen. Aber du kannst etwas dagegen tun. Meditation und Sport sind nur zwei Dinge, die dich selbstsicherer machen können. Visualisiere dein Ziel, erkenne deinen „Gegner“, dann handele gezielt. Es gibt keinen Grund Angst vor einem anderen Menschen zu haben. Der hat die oft auch, er zeigt sie lediglich nicht.

    • Ich finde Zweifel nicht grundsätzlich schlecht. Sie zwingen zum Überdenken und helfen dabei, Schwarzweißdenken zu vermeiden. Und der Punkt mit dem Gegner – ich habe nicht Angst davor, schwächer als ein anderer Mensch zu sein, sondern ich habe den Anspruch an mich, möglichst von allen gemocht zu werden. (Zumindest von den meisten. Es gibt Menschen, bei denen ist mir das egal, weil ich sie absolut nicht ausstehen kann, aber das ist höchstens eine Handvoll.) Mich selbst von den Gefühlen und Stimmungen Anderer abzugrenzen, das muss ich noch lernen. Aber das geht nicht von jetzt auf gleich.

  3. Egal was Du machst, Du solltest authentisch sein. Menschen merken sehr schnell, ob man eine Rolle spielt oder authentisch ist. Du kannst mit Freundlichkeit sehr viel erreichen. Andere hätten das sehr gerne. Wenn Du einmal zuviel Zeit haben solltest, dann schau Dir „Timm Thaler“ an. Eine uralte Serie über einen Jungen, der sein Lachen verkauft hat.

    • Die Geschichte von Timm Thaler kenne ich zwar in den Grundzügen, aber ich werde sie mir (bei Zeitüberschuss oder akutem Prokrastinationsdrang) einmal „richtig“ zu Gemüte führen. Ja, Authentizität finde ich auch sehr wichtig. Gerade im Beruf wünschte ich mir nur manchmal, so wie viele andere Zeitgenossen etwas souveräner auftreten zu können – aber ich kenne mich und weiß, dass ich das „unauthentisch“ ohnehin nicht hinkriege und von daher erstmal mein Selbstwertgefühl etwas hochpushen muss. (Privat finde ich mich nicht gerade herausragend selbstsicher, aber doch auf einem anständigen Level das betreffend. Beruflich hapert es noch etwas, aber das mag auch mit dem latenten Gefühl zusammenhängen, falsch in meinem Beruf zu sein.)

      • Wenn Du Dich mit anderen Zeitgenossen vergleichst, sind das dann wirklich vergleichbare Personen (Alter, Ausbildung, Erfahrung)? Es bringt ja nichts, wenn Du Dich mit einer Kollegin vergleichst, die den Job bereits seit 20 Jahren macht. Die kann Dir vielleicht Vorbild sein und Du kannst Dir etwas abschauen. Letztlich musst Du aber Deinen Stil davon ableiten, denn nur dann bist Du authentisch. Probiere ruhig etwas aus, bis Du das für Dich richtige System gefunden hast. Du wirst merken, dass weiterhin manche Leute damit nicht so zurecht kommen. Das macht aber nichts, da andere Leute Dich dafür umso mehr schätzen. Werde Dir Deiner Stärken bewusst und fokussiere Dich nicht auf vermeintliche Schwächen. Bau auf Deinen Stärken auf.

  4. Lachfalten sind die, auf die man am stolzesten sein kann. Schauen Sie sich mal diese Feinzieseligkeit dieser Famosstreifchen im Spiegel an. Wie sie sich queren, spielend ineinander verlaufen. Minikunstwerke in unserem Gesicht. Ich würde nie an der Aufrichtigkeit eines Lachenden zweifeln. Falschlacher haben nämlich keine Lachfalten, weil die Augen nie mitlachen.

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