Schreibend verliebt

Käthe schrieb vor kurzem hier, sie hätte sich „lesend und schreibend verliebt“. Der Kontext war verklärtkitschigplatonische Herzchenromantik. Aber beim Lesen dieses Satzes fiel mir auf, dass ich mich in meinem ganzen Leben nahezu immer lesend verliebt habe. Und zurückschreibend auf Antwort hoffend, selbstverständlich.

Es begann mit einer Menschin, die mir mentoresk zur Seite stand, als ich ein Teenager war und hunderte von Fragen über Gott und die Welt hatte (wobei „Gott und die Welt“ hier nicht als Füllwort, sondern wörtlich verstanden werden soll). Ich schrieb E-Mails, seitenlange, manchmal mehrmals wöchentlich, und bekam Antworten, die mich zum Nachdenken, manchmal auch Widersprechen brachten, die mir aber immer zeigten, dass ich gemocht, ernst genommen, vielleicht geliebt im reinsten Wortsinne werde. Inzwischen haben die Menschin und ich nur noch losen Kontakt. Aber von der Sorte, dass, wenn man sich sieht, die Zeit seit der letzten Begegnung stillgestanden zu sein scheint.

Dann gab es da eine kleine Zahl guter Freundinnen, ebenfalls zu Schulzeiten. Wir gingen in die gleiche Schule und hatten ein gemeinsames Hobby, so dass wir beinahe mehr Zeit zusammen als ohneeinander verbrachten. Da braucht nichts mehr gelesen und geschrieben zu werden, könnte man denken. Aber das wurde trotzdem getan. Meistens in Freundschaftskrisenzeiten. In E-Mails, auf Briefpapier oder einer herausgerissenen, dicht bekritzelten Collegeblockseite. Heute sind wir alle in verschiedene Ecken des Landes gezogen. Man sieht sich dreimal im Jahr. Aber die Briefe, die sind noch da, in meiner Schatzkiste, und manche habe ich so oft gelesen, dass ich sie auswendig weiß.

Der erste Mann, der ernsthaft ein Interesse an mir bekundete, tat dies ebenfalls schriftlich. Mit einer Nachricht in einem sozialen Netzwerk, zugegebenermaßen nicht besonders elegant, aber die Worte waren schmeichelhaft. Ich las die Nachricht illegalerweise während des Unterrichts in Datenverarbeitung und fiel Lehrern und Mitschülern den Rest des Tages durch übermäßiges Mundwinkelnachobengeziehe auf. Leider beendete der Mann die kaum aufgeflammte Liebschaft ebenfalls per E-Mail, was in mir ein wütendes Ohnmachtsgefühl und eine gewisse Abneigung gegenüber dem Medium erzeugte.

Aber nur bis zur ersten, völlig lakonischen und dadurch erst interessanten digitalen Nachricht von Monsieur. Unserem ersten Treffen gingen zwei Wochen intensivsten Mailverkehrs voraus, was das merkwürdige Gefühl hervorbrachte, den Anderen vollständig zu kennen, ohne ihn nur ein einziges Mal gesehen zu haben. Nach einer Woche des Schreibens war ich so verliebt, dass ein Kontaktabbruch bereits Liebeskummer bedeutet hätte. Ich drängte auf ein schnelles Treffen, um die Abhängigkeit von E-Mails nicht zu sehr ins Extreme driften zu lassen. Seine Stimme war anders als erwartet, und er sah besser aus als auf den Fotos. Ein eigentümlich vertrautes und trotzdem völlig neues Herzgefühl bei der ersten Berührung, den ersten mündlich getauschten, verlegenen Worten. Verliebtsein fühlt sich so unverschämt gut an.

Und immer noch sind es die geschriebenen Worte, die für mich beinahe am allerwichtigsten sind. Gesprochene Worte sind wunderschön, aber flüchtig. Geschriebenes bleibt.

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4 Kommentare zu “Schreibend verliebt

  1. Meine Freundin hat einen Namen für Menschen wie dich (und mich) die für das geschriebene Wort einen extra Eingang zur Seele und von dort direkt zum Herzen haben: Wortmenschen. Und ich muss immer wieder beobachten, dass mir andere Wortmenschen am sympatischsten sind…:-)

    Grossartiger Text, da konnte ich mich echt drin wiederfinden. Ich habe auch noch ganze Stapel von Briefbüchern aus der Schulzeit und die Box mit den Briefschnipseln habe ich gestern noch aufgemacht (um ein paar Perlen anlässlich des 30. Geburtstags einer meiner Schreibfreundinnen zu finden). Besser kann man Erinnerungen gar nicht aufheben…:-)

  2. Ja! So! Genau! So! Ist! Es! „Gesprochene Worte sind wunderschön, aber flüchtig. Geschriebenes bleibt.“ Menschen, die sich schreibend verstehen, verlieben sich unweigerlich ineinander. Eine reine, tiefe Liebe entsteht. Was daraus werden kann, das bleibt abzuwarten und zu erkunden. Ich habe mich auch schon in Bücher verliebt, in Charaktere, die da agierten, aber das ist eine einseitige Liebe und zwangsläufig von kurzer Dauer. Seitdem ich meine Sprache wiederfand, schreibe und sogar Antwort bekomme, fühle ich mich zurückgeliebt für meine Worte. Danke an Frau Perlenmama für das treffliche Wörtlein „Wortmenschen“. Herrjeh, ich komme heute wiedermal aus dem Hachen gar nicht heraus…

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