Fetzende Famosgesellen und andere Begleiter

Beim ziellosen Hinundherschlendern durch Blogs und Kommentare, online prokrastinierend und sozusagen fliehend vor allen Reallebenbedürfnissen kam mir heute einmal wieder die eigentliche Merkwürdigkeit der Onlineschreiberei in den Sinn. Nun blogge ich seit anderthalb Jahren, mal mehr, mal weniger regelmäßig, über alles, was mir so einfällt. Im ersten Jahr schrieb ich fast ganz für mich alleine, ein virtuelles Tagebuch sozusagen, öffentlich verfügbar aber weitestgehend unbeachtet. Dann, ich weiß nicht wie, stießen die ersten Personen dazu, kommentierten und folgten, was der Schreiberei einen ganz neuen Anstrich verlieh: Auf einmal war da ein Publikum, und aus dem fürmichschreiben wurde ein fürmichundandereschreiben, ein größerer Anspruch, aber mit einem viel größeren Lohn, nämlich der Gedankenaustausch mit anderen Menschen, von denen ich nichts weiter kenne als Pseudonyme, die mit der Realität viel oder wenig gemeinsam haben können, das weiß ich nicht. Ich weiß nicht, ob Frau Käthe Knobloch auch im Alltag so eloquent mit Wörtern jongliert, ob Sir Alec Guinness stets pragmatisch-vernünftig handelt, ob Ben Fröhlich seine Lebenslust auch außerhalb seiner Texte zeigt, ob MmeContraires feinsinnige Gedankenweberei auch offline sichtbar wird, ob Candy Bukowski im wahren Leben die leidenschaftlich-starke Frau ist, die aus ihren Texten spricht. Aber, und das ist das Erstaunlichschöne daran: Obwohl ich niemanden davon in Wirklichkeit kenne, von niemandem die Telefonnummer eingespeichert habe, noch nie mit jemandem zum Picknicken im Park verabredet war, fühlt es sich beinahe wie Freundschaft an, in ihrer platonischsten Ausprägung. Ich habe noch kein Gesicht gesehen, aber durfte in Seelen spitzen, und das ist unendlich wertvoller. Ich hebe das (imaginäre, es ist schließlich noch Vormittag) Glas auf all die Menschen hinter den Blogs, die ihre Gedanken teilen mit uns. Sentimentalgefärbterherzchenförmiger Dank.

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24 Kommentare zu “Fetzende Famosgesellen und andere Begleiter

  1. Ein ganz famoser Eintrag. Ich weiß genau wie sich das anfühlt, denn mir geht es genauso. Ich bin auch hin und her gerissen. Einerseits würde ich die Menschen hinter den Bloggern gerne kennen lernen. Andererseits sind sie wahrscheinlich doch anders als ich sie mir vorstelle und dann steht die Realität auf einmal im Weg.
    Deine Frage in Bezug auf mich habe ich mir bereits öfter selbst gestellt. Wie immer ist meine Antwort stark subjektiv. Ich denke, dass ich im großen und ganzen eher zu den vernünftigen, langweiligen Menschen als zu den verrückten, aufregenden Menschen zähle. Ich denke auch, dass ich grundsätzlich eher pragmatisch als dogmatisch bin. Der wesentliche Unterschied zwischen Sir Alec und meinem realen Leben ist, dass ich im Blog einfach meinen Mund bzw. meine Finger halte, wenn mir etwas nicht passt. So lange niemand beleidigt oder sonst wie angegriffen wird und so lange keine beweisbaren Unwahrheiten verzapft werden, halte ich einfach Ruhe und lese etwas anderes. Im realen Leben ist es leider nicht so einfach. Zum einen wird eine Reaktion erwartet und zum anderen fehlt mir manchmal die Gelassenheit (wenn Du einmal Kinder hast, dann weißt Du wovon ich spreche). Entsprechend schaukeln sich bestimmte Dinge im realen Leben eher einmal hoch. In diesem Sinne hebe auch ich mein Glas und sage „Cheers“.

    • Das mit dem Kennenlernen ist wirklich eine schwierige Frage. Wobei ich mir nicht vorstellen kann, irgendjemanden unsympathisch zu finden, der so fabelhaft schreibt. Umgekehrt einen sympathischen, aber furchtbar schreibenden Menschen zu treffen, das kommt schon mal vor. Aber wer schreibend einen guten Eindruck hinterlässt, tut das auch im realen Leben. Lediglich sind die Vorstellungen, die ich mir bereits von den Personen hinter den Pseudonymen gemacht habe, sicher größtenteils falsch. Spannend wäre es schon, das aufzuklären. Aber natürlich ist es so irgendwie geheimnisvoller. Naja, vielleicht beim knoblochschen Verpilcherungsfest.
      Interessant ist, dass du meinst, du seist im Schreiben zurückhaltender als im Alltag. Bei mir ist es genau umgekehrt: Im realen Leben bin ich der Typ Mensch, der zu fast allem Ja und Amen sagt und sich hinterher darüber ärgert, schon wieder gegen die eigenen Prinzipien überredet worden zu sein. Dispute und Diskussionen führe ich hundertmal lieber schriftlich mit Formulierungsbedenkzeit.

      • Es fällt mir leichter meinen Mund zu halten, da ich nicht den Reflex verspüre meine Meinung sofort zu sagen. Das Verpilcherungsfest ist eine ganz famose Idee. Leider ist es an Bedingungen verknüpft. Die Verpilcherung muss als „richtiges“ Buch erscheinen, nachdem ein „richtiger“ Lektor durch gegangen ist. Da die gute Frau Knobloch aber nichts mehr veröffentlicht kann auch kein Lektor durchgehen und kein Buch gedruckt werden. Wann immer ich Frau Knobloch dränge endlich etwas zu veröffentlichen, redet sie sich nur raus.

          • Vorsicht Frau Knobloch, wenn Sie erst einmal unter dem Kommando der Kapitänin MmeMme stehen, dann kann Sie auch die Lebenliebenlernende nicht mehr schützen. Dann werden Sie solange in den Ausguck gesperrt bis die Verpilcherung abgeschlossen ist.

          • Herr Guinness, hat man derley Unfug je vernommen?! Verpilcherung in dem Ausguck einer Nußschale? Da muß mindestens ’ne Yacht her oder noch lieber die Gorch Fock. Dann klappts auch mit der Scheißherzchenromantikrosaeinhornerdmännchenverpilcherung.

          • Frau Knobloch, es scheint Sie haben auf dem Superwomanheftchen genächtigt. Ich bin schockiert ob Ihrer Wortwahl, die ich auf das Schärfste zurückweise. Auf dieses Niveau begebe ich mich nicht.

          • Herrjeh, was stört ihn denn nu schon wieder! Die Gorch Fock ist ein ausgeprochen schönes Segelschiff! Und Gallionsfigur ist ein Albatros und nicht Superwoman.

          • Liebe Frau Knobloch, verehrter Herr Guinness, ohne mich auf eine Seite schlagen zu wollen, muss ich doch zwei Dinge konstatieren: Erstens, eine Käthe Knobloch wird sich sicher nicht mit Gewalt zur Verpilcherung zwingen lassen (obwohl auch ich derselben freudigerwartungsvoll entgegensehe), und zweitens, trotzdem ist das Bild in meinem Kopf von der Gorch Fock unter der Leitung von MmeMme in gestrenger Kapitänsuniform und Frau Knobloch mit wehendem Haar im Ausguck, von dem in den Tauen kletternden Sir Alec dorthin gesperrt, so schön, dass ich es malen würde, wenn ich zeichnerisches Talent besäße.

          • Liebe Lebenliebenlernende, das ist ja ein bonfortionöses Bild, welches Sie da entworfen haben! Dankefein. Dafür klettere ich freiwillig in den Ausguck, nehme eine Kladde und schreibe weiter. Obwohl dann ja niemand neugesichtete Beuteschiffe ausruft…mich deucht, im Korb wäre Platz für zwei. Es wäre mir ein Vergnügen, wenn vielleicht Sie..ich frage mal Kapitanöse MmeMme.

          • Das Vergnügen wäre ganz meinerseits! Allerdings unter der Voraussetzung, dass ich von der Kapitanöse sowohl mit einem messingfarbenen ausziehbaren Fernrohr und einer, bei Bedarf zu hissenden Piratenflagge ausgestattet werde.

  2. So langsam quillt Augenwasser in mir hoch. Was ist das für ein wundervoller Warmschwebetag? Was seid Ihr alle nur für unfassbar famose Menschen? Mir wurscht, ob ich euch real auch so mögen würde. Ich habe mich lesend und schreibend verliebt. Und so herznah wie mit diesen Worten, kommt mir manch‘ Bekannter nicht. Ich lese nochmal und nochmal und nochmal und hülle mich in diese Worte, wie in eine angorige Stola und seufze und schmecke Augenwasser jetzt doch. Cheers.

    • Ach meine liebe Käthe, auch dein Kommentar (trotz des bereits vergangenen Duztages sage ich heute noch einmal du, ausnahmsweise, aber manche Sentimentalitäten verlangen einfach danach) ist ein eifriger Augenwasserproduzent. Deine famosgewählten Worte bringen dich, unbekannterweise und doch seelensehend, in Herznähe. Ich freue mich immer wieder, von dir zu lesen.

      • So reiche ich Dir (ausnahmsweise) ein Spitzentüchlein vom vorsorglich bereitgestellten Stapelchen derselbigen. Ich traue mich gar nicht die anderen Kommentare zu lesen, diese verflixte Schönaugenüberlauferei, herrjeh. Und das Vergnügen ist ganz meinerseits, herzlichst, Deine Käthe.

  3. Pingback: Wunderwortgeschenke | bittemito

  4. bei mir geht die Liebe gerade zu so manch persönlichem Blog so weit, dass ich manchmal ein wenig traurig bin, wenn der Reader keine neuen Einträge anzeigt. Und dann kommt es wieder wie eben, wo man endlich mal wieder Zeit findet und gar nicht weiß, wo man mit seiner Freude hin soll, bei all den vielen Texten und ob man sie überhaupt entsprechend würdigt, weil man sie doch schneller liest, als wenn man nur einen einzigen vorfindet.

    • Dieses „oh, immer noch kein neuer Eintrag von xy“-Gefühl kenne ich auch. Viel häufiger tritt aber inzwischen, da ich so einigen schönen, spannenden, berührenden Blogs folge, der „oh, ein neuer Eintrag von xy! Und einer von abc, und noch acht andere tolle Texte!“-Effekt auf. Und ich glaube nicht, dass ein Text an Bedeutung verliert, nur weil man ihn im Kreise von anderen guten Beiträgen liest. Wenn ein Text gerade für dich passt, springt er dir so ins Auge, dass du gar nicht drumherum kommst, dir Gedanken zu ihm zu machen.

        • Die schönen Stellen findest du, wenn nicht beim ersten Mal, dann wann anders. Ich fand heute Kapitel I – VI der Knoblochverpilcherung und kapierte nun erst so richtig, was es mit dem erst kürzlich gelesenen Kapitel VII auf sich hat. Die Wortschätze erschlossen sich mir erst heute, aber sie taten es.

  5. Ja das lässt sich gut nachvollziehen, was du da schreibst. Zuerst schrieb ich, als ich damals blogte, nur für mich. Danach hatte ich den Eindruck, ich schreibe nur für zwei Personen, die fleißig kommentierten. Als ich den Blog dann nach einem Jahr schloss und dem nachfolgend auch löschte, bekam ich ein knappes Dutzend E-Mails, die ihr Bedauern ausdrückten. So viele hatten nie auf einmal kommentiert. Eine Zeitlang habe ich Ihnen dann noch den beiden Dauerkommentiererinnen aus alter Verbundenheit Weihnachtsmails gesandt.

    • Das mit den Weihnachtsmails finde ich süß! Ansonsten bin ich auch eher so eine stille Mitleserin, und finde deshalb schon aus rein egoistischen Gründen, dass man die stillen Leser nicht unterschätzen sollte.

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