Das erste Mal

So, alle, die sich unter diesem Titel Anekdoten über unbeholfenen Teenager-Sex vorgestellt hatten, können gleich wieder verschwinden. Es gibt nämlich noch eine ganze Menge andere Dinge, die man zum ersten Mal machen kann. Ha.

Noch da? Sehr schön.

Ich habe in meinem bisherigen Leben einpaarundzwanzig Geburtstage erlebt. Den Großteil davon noch bei meiner Familie lebend, wo die Standard-Geburtstagsprozedur in etwa so aussah: Am Vorabend verabschiedete ich mich unter Vortäuschung großer Müdigkeit schon früher als gewöhnlich in mein Zimmer, um meiner Familie die Gelegenheit zu geben, abends noch das Wohnzimmer mit der Happy-Birthday-Girlande, unter Umständen Luftballons und – ganz wichtig – dem obligatorischen Geschenketisch zu dekorieren. Wenn ich am Geburtstagsmorgen aufstand, wurde ich entweder von Mama geweckt und bekam die ersten Glückwünsche des Tages noch ganz verschlafen, oder ich wachte von selbst auf und traf Maman in der Küche, häufig mitten in der Vorbereitung des Geburtstagskuchens an. Das Frühstück fiel ausgiebiger aus als unter normalen Umständen, selbst, wenn es ein ganz normaler Wochentag war. Mein Platz war meist mit einer Blume oder ähnlichem dekoriert, und auf dem Tisch brannte meine Taufkerze. Nach Glückwünschen der restlichen Familienmitglieder und einem improvisierten Ständchen gab es erst Frühstück und dann Geschenke. Danach ging es für alle in die Schule oder in die Arbeit. Wenn ich nachmittags nach Hause kam, gab es Kaffee, Kakao und Schokoladentorte (ich wünschte mir immer eine Schokoladentorte!) und auch das Abendessen durfte ich bestimmen, während Mama für die Zubereitung desselbigen zuständig war. Manchmal waren Besucher zu Gast, Verwandte oder Freunde, manchmal nur die Familie – aber immer endete der Tag in einem gemütlichen Beisammensein am heimischen Esstisch. Später dann, in den ersten Jahren in der eigenen, zwei Autostunden von der Familie entfernten Wohnung, gelang es mir immer, den Geburtstag mit netten Menschen zu beginnen und zu begehen, ganz egal, ob letztendlich eine große Hineinfeierparty mit vielen Freunden oder ein Wellnesstag mit Monsieur daraus wurde.

Dieses Jahr war alles anders. Mein Geburtstag fiel, wie wunderbar feieruntauglich, auf einen Mittwoch. Das heißt: Besuche von Monsieur (230 km), Familie (220 km) und bester Freundin (300 km) waren ohnehin außer Diskussion. Außerdem musste ich arbeiten. Bis in den späten Abend. Hatte ergo erst frei, als bei allen in der Nähe lebenden Freunde und Bekannten mit üblichen Arbeits- und Aufstehzeiten schon längst Schicht im Schacht war. Wie schön. Also machte ich mir mutmaßlich das erste Mal in meinem Leben selbst mein Geburtstagsfrühstück (das sich dann letztendlich auf Nutellabrot und Orangensaft beschränkte), zündete alleine meine Taufkerze an und pustete sie, sozusagen vertretungsweise für die Schokoladentortenkerzen, auch wieder aus. Danach packte ich die mir liebevollerweise zugesandten Päckchen aus und freute mich sehr über meine Geschenke – allerdings machen auch Geschenke alleine nicht so viel Spaß wie mit den erwartungsvollen Gesichtern der Schenkenden dazu. In der Arbeit gab es dann immerhin Kuchen von mir für alle, ein Blümchen von meiner Lieblingskollegin für mich und nach Feierabend noch ein gemeinsames Gläschen Sekt. Zuhause eine Handvoll Anrufbeantworternachrichten von lieben Menschen (inklusive des Geburtstagsständchens meiner Familie), zwei nette Karten im Briefkasten und zumindest noch kurze Telefonate mit Monsieur und bester Freundin. Fazit: Alleine Geburtstag feiern ist nicht ganz so schlimm, wie ich es befürchtet hatte. Aber ganz ehrlich: Nochmal muss das nicht sein. Ich bin eben doch ein Beziehungsmensch.

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21 Kommentare zu “Das erste Mal

    • Das tut mir ja leid, dass du so etwas nie hattest. Ich habe in dieser Hinsicht Glück mit meiner Familie gehabt und eine Mutti, die solche Anlässe gerne zelebriert – was ich klasse fand und finde.

        • Zum Glück hat das Gefeiert-werden am Geburtstag bei uns nicht mit der Trennung meiner Eltern aufgehört. Das einzig merkwürdige waren immer die väterlichen Kaffeebesuche an jenem Tag und der gezwungen-höfliche Ton meiner Mutter mit dem unterschwellig mitschwingenden „bleib aber bitte nicht länger“.

  1. Wenn ich das richtig gelesen habe, liegt der Geburtstag erst kurz zurück. Sollte dem so sein, wünsche ich dir alles Liebe und Gute nachträglich! 🙂
    Ich habe meine letzten drei Geburtstage alleine gefeiert und fand es soweit immer in Ordnung. Das muss zwar nicht sein, aber es geht besser als man denkt 🙂

    • Du hast Recht, der Geburtstag ist noch nicht lange her. Vielen Dank für die guten Wünsche! Ich bin, was die Feierei angeht, vielleicht ein bisschen verwöhnt. Aber ich bin nur manchmal gerne allein. An Geburtstagen mag ich Gesellschaft.

  2. Ich mache mir nichts aus Geburtstagfeiern. Früher war das anders, aber mittlerweile ist es mir egal. Aber ganz alleine finde ich auch doof. Dieses Jahr war ich beruflich unterwegs und da haben wir das feiern einfach um einen Tag geschoben. Das hat gut funktioniert. Ist zwar vergleichbar mit einem aufgenommenen Spiel, das beim anschauen nur bedingt Freude bereitet, wenn man das Ergebnis schon kennt, aber besser als gar nichts.

    • Besser als gar nichts, ja. Aber schöner ist es schon mit Gesellschaft am „richtigen“ Tag – auch wenn Feierei an jedem Tag eine schöne Sache ist. Trotzdem ist der Geburtstag etwas Besonderes.

  3. Mein Geburtstag ist im Sommer. Gefeiert habe ich noch nie allein. Und da werde ich auch nie. Was du über deinen Geburtstag schreibst ist sehr schön. Familie und Beziehung bedeutet mir ebenfalls sehr viel. Nachträglich auch von mir die besten Wünsche an dich. Und natürlich ein gesundes neues Lebensjahr 🙂

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