Frau H.

Frau H. unterrichtete Musik und Französisch. Alleine deshalb gab es eine ganze Reihe von Schülern, die wenig von ihr hielten. Musik ist doch unnütz, wer braucht das schon – erst recht, wenn die Zeit des gemeinsamen Liedersingens vorbei ist und die trockene Theorie im Klassenzimmer ankommt, Intervalle und Tonarten, der Quintenzirkel und die Sonatenhauptsatzform. Und Französisch, das ist doch diese komplizierte Sprache mit den verschiedenen Formen von Akzenten auf den Buchstaben und der Aussprache, die die Hälfte des Wortes verschluckt. Und dann soll man das fehlerfrei schreiben können, anmaßend!

Die Wege von Frau H. und mir kreuzten sich bereits in der fünften Klasse. Wir hatten Musikunterricht bei ihr, und obwohl ich beim Lernen immer eher nach dem Minimalprinzip vorging, mochte ich Musik und hatte Spaß am Singen. Frau H. ermutigte mich, dem Chor beizutreten, den sie ebenfalls leitete. Obwohl ich zu diesem Zeitpunkt noch überhaupt keinen Spaß daran hatte, auf Bühnen zu stehen: Bei den Schulkonzerten, wenn wir zweimal im Jahr unseren großen Auftritt hatten, fühlte ich mich großartig.

Später wählte ich Französisch als zweite Fremdsprache. Es gab zwei Französischgruppen, eine der beiden unterrichtete Frau H.. Dort landete ich. Und war zwischenzeitlich deshalb ziemlich gefrustet: Meine Freundin war in der anderen Gruppe und erzählte mir von dem dortigen Unterricht. Sie hatten nur selten Hausaufgaben, Vokabeltests gab es nicht und am Ende des Schuljahres aßen sie zusammen französische Spezialitäten. Bei uns hingegen gab es zusätzlich zu den regulären Hausaufgaben jede Stunde eine Übersetzungsübung, die jedes Mal eingesammelt und korrigiert wurde. Wenn Vokabeln als Hausaufgabe zu lernen waren, wurden sie schriftlich geprüft, jede Wette. Die Arbeiten waren schwierig und ich kassierte als erstes eine Vier. Meine besorgte Mutter fand sich zum Elterngespräch ein. Doch erstaunlicherweise bekam sie dort zu hören: „Eine Vier bedeutet ‚Ausreichend‘. Wer bei mir eine Vier schreibt, der kann Französisch.“

Meine Französischnoten wurden nur ein wenig besser, und so wunderte ich mich ziemlich, als Frau H. mir in der zehnten Klasse vorschlug, doch den Französisch-Leistungskurs zu belegen. „Wenn Sie mir das zutrauen…“ – „Ja, das traue ich dir zu. Ich weiß, dass du das schaffen wirst.“ Diese Sätze machten mir Mut. Und weil sie außerdem versicherte, alles in ihrer Macht stehende zu tun, um den besagten Leistungskurs selbst übernehmen zu können, wählte ich dieses Fach. Und das war die richtige Entscheidung. Wir waren ein großartiger Kurs. Leistungsmäßig waren wir alle ungefähr auf dem selben Niveau, was das Unterrichten vielleicht einfacher, das Unterrichtserlebnis aus Schülersicht auf jeden Fall angenehmer gestaltete. Frau H. war immer noch streng mit uns. Wir mussten hart arbeiten. Aber sie gab uns nie das Gefühl, nur eine mehr oder weniger anonyme Schülermasse zu sein, ein paar unter tausenden, die bereits durch ihre unterrichtenden Hände gingen. Nein, wir wurden als einzelne, wertgeschätzte Personen behandelt. Sie wusste von jeder und jedem, wo die Stärken und wo die Schwächen lagen – nicht nur, was die französische Sprache anging, sondern auch im restlichen Schulalltag. Sie wusste, wer Schwierigkeiten in Mathematik hatte, wer Medizin studieren wollte und deshalb unter großem Notendruck für das Bestehen des Numerus Clausus stand, wessen Eltern sich gerade hatten scheiden lassen und wer mit welchen anderen Lehrern überhaupt nicht zurecht kam. Und wo es in ihrer Macht stand, versuchte sie, uns zu helfen. Manchmal, wenn wir gut gearbeitet hatten und der Stoff schon zehn Minuten vor Stundenende erledigt war, unterhielten wir uns einfach ein Weilchen. Einmal, wir waren bereits in der 13. Jahrgangsstufe und standen kurz vor dem Abitur, kam sie entgegen ihrer Art zu spät zu unserer Doppelstunde und erzählte uns beinahe hilflos von einem Siebtklässler, dessen Klassenlehrerin sie war. Er hatte sich an diesem Tag in der Pause hinter der Sporthalle betrunken und im Matheunterricht auf den Tisch erbrochen, und nun wusste sie nicht, wie sie damit umgehen sollte. Das war der Moment, in dem ich merkte, dass nicht nur wir ihr, sondern auch sie uns vertraute. Kurz vor der Abiturprüfung kam eine Rundmail von ihr, in der sie noch einmal typische Fehler aufzählte, die wir vermeiden sollten, uns gute Tipps und noch ein paar Notfallvokabeln an die Hand gab, viel Glück wünschte und mit dem Satz schloss: „Seid sicher, ich bin aufgeregter als ihr.“ Zur Prüfung brachte sie uns etwas Süßes mit, Notfallschokolade sozusagen. Und als es zum Schuljahresende hin das letzte Konzert unserer Chorlaufbahn gab, studierte sie heimlich mit den anderen Chormitgliedern ein Lied für die chorsingenden Abiturienten ein, mit dem sie uns auf der Bühne überraschten. Mit vorher überreicht bekommenen Rosen in der Hand hörten wir uns „The Lord bless you and keep you“ von unseren Mitschülern an. Nicht nur Frau H. hatte ein Tränchen im Augenwinkel.

Ein halbes Jahr nach dem Abitur lud Frau H. ihren ehemaligen Leistungskurs zu sich nach Hause ein. Obwohl einige inzwischen weit weg wohnten, kamen alle. Sie kochte für uns französisch, und nach dem Essen saßen wir bis nach Mitternacht in ihrem Wohnzimmer und unterhielten uns. Seit diesem Abend dürfen wir sie duzen; und obwohl sie von allen ehemaligen Lehrern diejenige ist, mit der ich – schon immer – das persönlichste Verhältnis hatte, fühlt sich das Duzen merkwürdig an. Der Respekt gebührte eben immer Frau H..

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Ein Kommentar zu “Frau H.

  1. Ich finde es schön, dass sie eine ganz klare Einstellung zu den Noten hat. Es ist ja alles schlecht, was keine Eins ist und das habe ich nie verstanden. Wofür gibt es sechs Noten, wenn ich mich nicht einmal über eine Drei freuen kann, weil sie mir zeigt, dass ich Grundlegendes verstanden und angewendet habe?
    Und ansonsten finde ich es absolut richtig, dass sie klare Regeln hatte, auf die sie bestand. Die sehen bei jedem Lehrer anders aus, weil man seinen persönlichen Weg gehen muss, aber dabei sollte man sich eben nicht verbiegen lassen, dann haben die Schüler was davon und man selbst als Lehrer erst recht.

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