Schmetterlinge

Dank des Blogs von thesmellofgreen hat mein nach Zerstreuung suchendes Hirn mein Näschen auf einen wunderbaren Kommentar gestupst. Er stammt von Mechanicus und handelt von Schmetterlingen, ganzen Schwärmen von Schmetterlingen, und von kleinen Bäumen, die größer werden wollen oder auch nicht. Und bevor das Ganze hier in märchenhaft anmutenden Metaphern versinkt: Es geht um die Liebe, die alte Geschichte, den Dauerbrenner. Und um das Verliebtsein, das so leicht mit der Liebe verwechselt wird.

Wir erinnern uns: Ich befinde mich gerade in einer Beziehung 2.0. Mit Partner 1.1. Gleicher Mann, lediglich um einige Erfahrungen reicher, neuer Beziehungsversuch nach zwei Monaten ohne einander. Von ihm ging die Trennung aus (auch wenn er nur eine Beziehungspause wollte und ich den Schlussstrich zog), von ihm kam auch die Initiative für den Neustart. Und ich? Ich machte mit. In Beziehung 1.0. Bei der Trennung. Beim Neuanfang. In Beziehung 2.0.
Ganz am Anfang, da waren die Schmetterlinge. Wir schrieben uns endlose E-Mails, bevor wir uns das erste Mal leibhaftig zu Gesicht bekamen, manchmal zehn Stück am Tag. Alle Viertelstunde checkte ich meinen Posteingang und hing trotz schönsten Sommerwetters den ganzen Tag vor dem PC. Schon im Lesen und Schreiben verliebte ich mich hoffnungslos in ihn. Dann das erste Treffen. Wir trafen uns zum Picknick im Park. Der Käse zerschmolz in der Sonne, vom Baguette fraßen die Tauben. Wir waren zu sehr mit Küssen beschäftigt. Wir sind jetzt ein Paar, klar. Meine Mutter hielt mich für verrückt. Nach nur einem Date! Beim zweiten Treffen lernte er meine Freunde kennen. Beim dritten meine Familie. Beim vierten den ihm noch unbekannten Teil von mir.
Aus der Beziehung wurde eine Fernbeziehung. Für mich begann ein neues Leben. Neue Stadt, neue Wohnung, neuer Job, alles aufregend und anders. Er war dabei. Ihn rief ich nach meinem ersten Arbeitstag an, er erkundete am Wochenende mit mir die Gegend, mit ihm fand ich das tolle kleine Indie-Kino zwei Ecken weiter und den Lego-Laden in der Innenstadt.
Irgendwann war das alles nicht mehr neu. Der Job nervig. Die Stadt uninspirierend. Die Wohnung hatte undichte Fenster. Und die Beziehung war routiniert. Die Schmetterlinge lange ausgeflogen. Bye bye, wir suchen uns ein neues rosarot bebrilltes Pärchen. Mich störte, dass er nach dem Abwasch immer den Schaum mit allen übrigen Krümeln in der Spüle antrocknen ließ. Ihn störte, dass ich meine Hausschuhe auch anbehielt, wenn ich meine Füße auf sein weißes Sofa zog. Er wusste, wie es riecht, wenn ich pupse. Und ich wusste, wie es klingt, wenn er euphorisch Thomas Mann zitiert. Wo ich doch mit Thomas Mann überhaupt nichts anfangen kann.
Dann die Trennung. Nach zwei Jahren. Klar, die Beziehung war nicht mehr besonders frisch. Und sie fühlte sich kriselig an, am Ende. Aber dass er gleich einen Kontaktabbruch möchte? Okay, dann richtig. Ich kaufte einen Umzugskarton und füllte ihn mit all seinen Dingen. Den Wintermantel, die Badehose, das Deo und das Haarspray. Die Hausschuhe, die Zahnbürste, die Schachtel Antihistaminika, die er bei längerem Aufenthalt in meiner Wohnung gegen seine Katzenallergie schlucken musste. Paketklebeband drumherum, Adressaufkleber drauf und ab geht die Post. Das Foto im Wohnzimmer tauschte ich gegen den gerahmten Handabdruck meines Patenkindes.
Bei seinen Neuanfangsavancen war ich skeptisch. Und ziemlich hormongesteuert, das wechselte sich in schnellem Rhythmus ab. Ich tat ein paar übereilte Dinge, die ich trotz ihrer Übereiltheit nicht bereue, allein schon deshalb, weil sie einmal eine gute Geschichte für meine Enkel abgeben werden. Es gab Kopf-Herz-Bauch-Endkämpfe, in denen sich die verschiedenen Parteien mit den Positionen abwechselten. Keine klaren Grenzlinien. Viele Grautöne. Ich versuchte, Dinge klarzustellen. „Unsere Beziehung ist schließlich nicht ohne Grund gescheitert.“ „Mal ganz ehrlich, es gab schon ein paar Sachen, die mich gestört haben.“ „Manchmal hast du mich eingeengt.“ Schließlich, trotz aller Zweifel: Okay, wir probieren es noch einmal miteinander.
Er vermisste mich. Wahnsinnig. Ich ihn nur manchmal. Ich hatte mir in den zwei Monaten das Vermissen abgewöhnt. Unsere Wochenenden waren toll. Unsere Telefonate manchmal mittelmäßig und manchmal großartig. Aber dazwischen machte ich mein eigenes Ding, und dabei dachte ich nur selten an ihn. Das machte ihn traurig, ich spürte das. Aber ich konnte es nicht ändern. Wollte es vielleicht auch gar nicht.
Bei ihm waren die Schmetterlinge wieder eingezogen. Vielleicht sind sie immer noch da. Bei mir nicht. Nicht mehr seit ihrem allmählichen Verschwinden, damals. Und manchmal frage ich mich, ob sie da sein sollten. Ob ihr Fehlen mich auf etwas hinweisen soll. Auf etwas, das nicht richtig läuft. Auf Fehlendes: Aufregung und Gefühlsüberschwang und stundenlanges gegenseitiges In-die-Augen-blicken. Aber möglicherweise ist das ja gar nicht das, was ich will. Möglicherweise ist das, was ich will, ein Bäumchen, das gut gedeihen soll. Dafür braucht es einen guten Boden. Freundschaft, Verständnis, Vertrauen. Ich muss es regelmäßig gießen. Mit Aufmerksamkeit und Wertschätzung. Und irgendwann ist es groß, trägt Blüten, spendet Schatten und ich kann endlich mit voller Gewissheit sagen: Ich habe Liebe gesät.

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23 Kommentare zu “Schmetterlinge

    • Es gibt die zweite Beziehung. Trotz fehlender Schmetterlinge. Ich gieße das Bäumchen. Und manchmal kommt ein kleiner Schmetterling vorbei und lässt sich für einen Moment auf einem Ast nieder. Das sind großartige Momente.

      • Schön und ansonsten gibt es ja auch Marienkäferchen, die ja auch ein wenig kribbeln 😉 halte uns mal auf dem Laufenden, wie es sich weiterhin mit den Schmetterlingen verhält, ob sie sich doch noch entpuppen oder wenn nicht, ob sie denn überhaupt notwendig sind. 🙂

  1. Ich denke bei dem Stand deiner Beziehung ist es normal, dass die Schmetterlinge nachlassen. Ich wünsche euch das Beste und bin froh, dass ich dir ein bisschen weiterhelfen konnte durch mein Gedankenchaos 😉

  2. Die Schmetterlinge sind weg. Die werden nicht mehr wieder kommen. Die einzige Chance auf neue Schmetterlinge sind ein neuer Mann und dann wieder ein neuer Mann usw. Allerdings kommt der neue Mann auch immer mit neuen Kosten (wie immer man Kosten definiert). Mit jedem neuen Mann hast Du die Chance auf den Jackpot aber auch das Risiko einer völligen Niete. Mit Deinem Partner 1.1 (geile Bezeichnung) weißt Du, dass Dein Upside irgendwie limitiert ist. Du weißt aber auch, dass Dein Downside limitiert ist. Du stehst letztlich vor der Entscheidung, ob Du Dich arrangierst (Spatz in der Hand) oder ob Du nach Höherem strebst (Taube auf dem Dach). Diese Frage kann Dir keiner außer Dir beantworten. Nur Du weißt, ob Dein Partner 1.1 eher bei 95% oder eher bei 51% ist. Was ich Dir allerdings sagen kann ist, dass auch wenn die Schmetterlinge nie mehr zurück kommen es doch immer wieder Phasen gibt, die sich sehr gut anfühlen und Du Dich glücklich schätzen wirst, dass Du die Durststrecke(n) durchgehalten hast.

    • Geschätzter Herr Guinness, da muß ich Ihnen widersprechen. Die Schmetterlinge sind nicht weg. Ihr Flügelschlag wird immer zu spüren sein, bei einem Kuß, einer Berührung. Sie flattern, wenn man über die gleichen Dinge lacht oder in dem Moment zum Telephonhörer greift, wenn der andere anruft. Eine bunte Wolke bunter Flatterdinger stiebt innen drin auf, wenn der Geliebte bei einem Krachkonzert hinter mir stehend, mich umfaßt und mit einem gehauchten Ichliebedich die lautestens Riffs übertönt. Natürlich sind sie nicht mehr ständiger Begleiter wie in der Phase des Knallverliebtseins. Aber das würde uns auch irgendwann umhauen. Aber weg? Nein.
      Bevor Sie fragen: Zehn Jahre bin ich jetzt mit dem Lieblingsrockerfamosgesellen zusammen. Und ja, wir streiten auch zu gerne. Ihnen zugetan, herzlichst, Käthe.

      • Liebste Frau Knobloch, ich denke, dass wir absolut einer Meinung sind. Wir drücken sie nur unterschiedlich aus. Es kommt auf die Definition der Schmetterlinge an. Meine Definition der Schmetterlinge sind die Schmetterlinge am Anfang der Beziehung. Die Schmetterlinge als die Immobilienfrau das erste Mal angerufen hat, als wir das erste Mal weg waren, als wir uns das erste Mal geküsst haben. Das waren Gefühle voll solcher Intensität, die ich danach nicht wieder empfunden habe. Dies bedeutet allerdings nicht, dass ich heute gar nichts empfinde. Ich sehe die Immobilienfrau an und bin immer noch restlos begeistert wie schön sie ist. Ich freue mich, wenn wir gemeinsam lachen. Ich habe Tränen in den Augen, wenn ich ihre Weihnachts- oder Geburtstagskarte für mich lese. Ich betrachte sie als mein persönliches ganz großes Glück. Und doch ist es einfach anders als in der Phase des Knallverliebtseins (ein toller Ausdruck). Diese Phase ist vorbei und wird nie wieder kommen. Dafür haben wir andere Phasen, die auch toll sind. Bevor Sie fragen. Über Ihre zehn Jahre kann ich nur milde lächeln. Wir haben bereits die goldenenn 20er erreicht und ich hoffe, dass noch viele Jahre dazu kommen. Ihnen immer ergeben, Sir Alec

        • Mein lieber Sir Alec, wenn Sie wüßten, wie ich die Korrespondenz mit Ihnen schätze. Ihre famosfeine Direktheit, Sachlichkeit, gepaart mit Humor und Liebe. Eine guinness’sche einzigartige Mischung. Seit ich mit Ihnen die Wörter kreuze, mag ich soger Pragmatismus. Und es mag stimmen, wir meinen das Gleiche, drücken es nur anders aus. Ihre Freudentränen sind meine Kribbelflatterdingerflügelschläge.
          Meinen herzlichen Glückwusch zu so langer Zweisamkeit. Ich war beziehungstechnisch ein Spätzünder. Mein Weg hin zum Lieblingsfamosgesellen war kein gerader. Er mußte ja auch erst noch seine Ehe durchleben.
          Herzlichst, Ihre Käthe, ergeben zugetan.

          • Alleine für diesen Austausch zwischen Ihnen beiden hat sich das Blogposting gelohnt! Es ist schön und mutmachend, von sozusagen beziehungserprobten Liebesveteranen derartiges zu lesen.
            Ja, die Knallverliebtheit ist vorbei. Aber das ist okay. Die kleinen Schmetterlingsmomente sind großartig. A propos, Frau Knobloch: Ihre Krachkonzertbeschreibung hat mein Herz erwärmt! Und Herr Guinness: Ich mag Spatzen ohnehin viel lieber als Tauben.

          • Herr Guinness, haben Sie das gelesen? Die Lebenliebenlernenjungspundin hat uns Veteranen genannt! Stellen Sie mal den Rollator beiseite und helfen Sie mir protestieren. Ich kann schlecht mit meinem Gehstock drohen, wenn mich niemand stützt!

          • Und ich bewundere Ihre Wortkreationen. Die „Wörter kreuzen“ ist einfach bonfortionös.
            Ich bin ein großer Verfechter davon, dass man das Glück festhalten muss, wenn es einmal da ist. Leider gehören immer zwei dazu.
            Sie mögen beziehungstechnisch eine Spätzünderin gewesen sein, aber dafür haben Sie es mächtig fetzen lassen. Ein Preis, den ich im Rückblick gerne bezahlt habe, aber es durchaus Phasen gab, wo das Gras auf der anderen Seite grüner aussah. A propos Gras. Es scheint, dass wir schon wieder fremde Vorgärten verwüsten.

          • Mein lieber Herr Guinness, mein sprachverliebtes Herz macht jedesmal einen kleinen Glückshüpfer, wenn es sein Lieblingswort von fremden Fingern in die Tastatur getropft; erblickt. Und möchte dann demoderderjenigen um den Hals fallen. Hach…

          • Liebe Frau Knobloch, wie schon erwähnt lese ich zur Zeit „tschick“ des ehrenwerten Herrn Herrndorf. Dort kommt das Wort so häufig vor und jedes Mal muss ich daran denken, ob Herrndorf es von Ihnen oder umgekehrt hat.

          • Ach. Herr Herrndorf. Er hat es wohl als erster aufgeschrieben. Ich trage es schon ein Leben lang mit mir herum. Ich lese, obgleich ich jeden Eintrag kenne, zum drölfzigsten Male „Arbeit und Struktur“…

            (Ich hatte hier einen ellenlangen Kommentar hingeschrieben. Und wieder gelöscht, weil das, was ich schrub, hier nicht am richtigen Orte war.)

          • Ach. Ich kann noch nicht. Es mag noch nicht fließen. Aber Entwürfe ruhen bereits dashboardig vor sich hin. Nur eines noch einstweilen zum Thema: Sie als bekennender Pragmatiker werden kopfnickend das Buch zuschlagen, die Tränen abwischen und still dasistlogisch denken. Wenn ich das sogar tat…

          • Bzgl. des dasistlogisch mache ich mir auch keine Sorgen. Ich bewundere ihn für seinen Mut und seine Konsequenz. Es sind eher die Seiten davor.

            Ich hänge auch fest. MmeMme hatte mir einen genialen Einfall gegeben, aber es fließt einfach nicht.

          • Herr Herrndorf hatte sich von Anfang an seine Exitstrategie angelegt. In höchster Not dann angewandt. Für mich sind am quälendsten die nüchternen Beschreibungen, wenn er seinen Verstand verliert. Für mich als Selbstmordbetroffene im engsten Liebmenschenkreise war Herr Herrndorf einer, der mich Verständnis lehrte.

            Lassen Sie den Einfall noch ein wenig im Guinness’schen Kopfe herumkullern. Dann pardautzt auch irgendwann Wortbastelei heraus.

          • Wenn das der Preis für die Teilhabe an einer solch spannenden Diskussion ist, lasse ich mir meinen Vorgarten gerne verwüsten. Auch mit Rollatoren und Gehstöcken, wenn es sein muss. (Allerdings glaube ich, dass Sie, liebe Käthe, ihren Protest auch problemlos ohne Gehstock zum Ausdruck bringen können…)

          • Der Herr Guinness und meinereine, wir sind berühmtberüchtigt für unsere Vorgartenpöbeleien. Letzthin, bei MmeMme Contraire litt sogar ein unschuldiger Gartenzwerg unter unserem Holtergedipolter. Aber wir räumen auch immer brav auf hinterher. Also der Herr Guinness meist.

  3. Liebe Lebenliebenlernende, ich danke Ihnen herzlich für das so offenstehende Gartentörchen, sodaß der Herr Guinness und ich hier so vergnügtunddochverhalten die Wörter kreuzen durften. Heute müssen wir nicht aufräumen, die Verwüsterei fand gar nicht statt…
    Ich nehme nochmal bezug auf Ihren Text und wünsche vergnüglichste Bäumchenhege. Der Kommentar des Mechanicus, der war in der Tat sehr bonfortionös. Herzlichst, Käthe.

    • Liebe Lebenliebenlernende (ein ganz zoller Name), auch ich bedanke mich herzlich für die Gastfreundschaft. Das leidige WordPress hat mir Ihre Kommentare nie angezeigt. Spatzen sind wirklich schöne Vögel und auch ich mag sie lieber als die Tauben. Ich freue mich schon auf die weiteren Geschichten mit Ihnen und dem Partner 1.1.

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