Richtig

Es gibt, zumindest hierzulande, dieses Konzept von „dem Richtigen“. Dieses ominöse Phantom wird am liebsten dann heraufbeschworen, wenn es um Liebeskummer, Beziehungsstress und all die anderen großen und kleinen Krisen im Leben zu zweit geht. Aber die Frage ist doch: Gibt es diesen Richtigen (oder diese Richtige, wir wollen ja gendergerecht sein) eigentlich? Und wenn ja, gibt es nur eine respektive einen oder doch eine gewisse Auswahl an Richtigen? Und was bedeutet das eigentlich – „richtig“?
Eine Freundin von mir, sie ist etwas jünger als ich, Studentin mit noch nicht besonders vielen Semestern auf dem Buckel, heiratet demnächst. Und ich konnte mir nicht verkneifen, zu fragen: Woher weißt du, dass er der Richtige ist? Ihre Antwort fand ich spannend. Sie sagte: Es gibt noch viele andere tolle Männer auf der Welt. Ich könnte sicher auch mit einem Anderen glücklich werden. Aber ich habe mich für ihn, und für niemanden sonst, entschieden. Genau das macht ihn zu „dem Richtigen“.
Es ist eine Entscheidungssache. Das klingt plausibel. Aber was beeinflusst meine Entscheidung, dass er der Richtige ist? Man wird ein bisschen auf diese „was ist Liebe“-Sache zurückgeworfen. Woher weiß ich, dass es die große Liebe ist? Vor einer Weile sah ich einen Film, ich weiß nicht mehr welchen und um was es ging, aber einer stellte genau diese Frage. Und bekam zur Antwort: Wenn du fragst, ist sie es nicht.
Klingt logisch. Aber andererseits, sind Zweifel wirklich automatisch das Aus für jede Beziehung? Ich habe zu wenig Erfahrung für empirische Werte. Und außerdem frage ich mich seit langem, ob die immer größere Zahl an alleine lebenden und zum Teil sehr einsam endenden Menschen nicht auch damit zu tun hat, dass in der heutigen Gesellschaft nur das Beste zählt. Das schnellste Auto, das luxuriöseste Haus, der besterzogenste Hund, der atemberaubendste Urlaub. Wenn etwas nicht mehr hundertprozentig passt, wird sofort Ersatz gesucht. Das finde ich zu krass. Aber wie viel Prozent sind denn dann noch „erträglich“ und ab welcher Abweichung passt es überhaupt nicht mehr? Und ist es sinnvoll, eine dauerhafte Beziehung einzugehen, wenn von vornherein feststeht, dass nur 90 % zusammenpassen? Oder ist es im Gegenteil sogar sträfliche Selbstbelügung, wenn man von 100 % Übereinstimmung ausgeht, weil das in der Praxis nie vorkommt und also ein durch Verliebtheit getrübter, nicht entscheidungsfähiger Blick vorliegt?
Vielleicht kann man sich nur an den Rat halten, den ich irgendwo, irgendwann, von irgendwem einmal gelesen habe: Suche nicht nach dem Richtigen, sei die Richtige. Aber auch da finde ich es schwierig: Kann ich für ihn die Richtige sein, aber er nicht der Richtige für mich? Oder bin ich dann auch automatisch nicht seine Richtige, oder er ist doch mein Richtiger, und wir merken es bloß nicht?
Es gibt wohl keine Patentlösung, fürchte ich. Alles, was man tun kann, ist der Versuch, Kopf und Herz und Handeln unter einen Hut zu bekommen. Und dann einfach drauflos leben und lieben.

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4 Kommentare zu “Richtig

  1. Nun, ich glaube auf jeden Fall, dass es richtige Personen gibt, insofern, dass es einfach passt. So dass selbst gewisse Unterschiede von der Art, miteinander umzugehen, ausgeglichen werden. Aber auch mir fehlen das empirische Daten 😉

  2. Ich habe es schon einmal an anderer Stelle geschrieben. Man sollte nicht nach Mr. oder Ms. Perfekt suchen, sondern nach Mr. oder Ms. Right. 90% halte ich persönlich für einen guten Wert, wenn die restlichen 10% keine No-Gos sind. Dann hast Du eine Basis. Die Basis musst Du wie ein Tau immer weiter entwickeln, da es sich im Laufe der Zeit abnutzt. Du kannst es immer reparieren, aber Du solltest es rechtzeitig tun, da es ansonsten irgendwann keinen Sinn mehr ergibt. So ein Tau ist bestimmt nicht so schön wie ein gewickeltes Hermes-Tuch, aber es ist sehr widerstandsfähig. Der Alltag braucht viel Widerstandsfähigkeit. Entsprechend kannst Du Dir überlegen, ob Du Dir vorstellen kannst Dein Leben mit einem Tau oder einem Hermes-Tuch zu verbringen. Ich würde zum Tau raten. Das Hermes-Tuch kannst Du bei Gelegenheit um das Tau binden.

  3. Die Differenzierung von perfekt und richtig in Guinness‘ Kommentar möchte ich aufgreifen, weil sie sehr zutreffend ist. Sachen können richtig sein, ohne dass sie perfekt sind. Aber wann sind sie richtig? Wahrscheinlich dann, wenn wir sie als richtig ansehen, wenn wir uns vielleicht darüber bewusst sind, dass der Zustand besser oder schlechter sein kann, wir aber zufrieden und glücklich mit dem sind, was wir haben. Es ist richtig, aber nicht perfekt. Ungefähr so beschreibt es ja auch deine Freundin, die bald heiratet. Sie macht ihn zu dem Richtigen, ohne dass er perfekt sein muss. Sie weiß, es gibt noch viele andere tolle Männer, aber eben auch viele andere, die nicht toller sind. Sie weiß, dass sie wohl auch mit jemand anders glücklich werden könnte, aber sie ist so, wie es jetzt ist zufrieden und glücklich. Mit diesem Menschen. Weil er der Richtige ist. Das Problem ist vielleicht, dass wir richtig und perfekt allzu oft gleichsetzen. Wenn wir das nicht tun, gibt es sicher mehr als einen richtigen Menschen. Aber wir entscheiden dann, wer der einzig richtige für uns ist.

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