Smart Phones

Ich besitze ein iPhone. Nicht das allerneueste Modell, aber durchaus eines, das gut funktioniert und alle Vorzüge bietet, die so ein modernes Smartphone eben standardmäßig hat. Nun wollte ich mit auslaufendem Vertrag den Anbieter wechseln. Kann ja eigentlich gar nicht so schwer sein – dachte ich. Doch leider war das Zusammenspiel zwischen Telekom, Vodafone, Apple und unfähigen oder uninteressierten Kundenhotlinemitarbeitern eher ungünstig, was dazu führte, dass ich ziemlich genau eine Woche lang keinen Zugang zum Mobilfunknetz hatte. Und das bedeutet nicht nur keine Anrufe und keine SMS, sondern auch kein mobiles Internet. Da merkte ich einmal wieder, wie wichtig und selbstverständlich das alles geworden ist. Zum Beispiel war ich zur Geburtstagsparty eines Freundes eingeladen, die dieser in einem mir bis dato unbekannten Jugendkeller feierte. Ich wollte von der Arbeit aus direkt dorthin fahren. Unter normalen Umständen hätte ich einfach kurz vor Feierabend in der App des städtischen Nahverkehrs die Adresse eingegeben, mir die nächste Verbindung dorthin und auch gleich noch in der Kartenapp den Fußweg von der Straßenbahnhaltestelle zur Location anzeigen lassen. Und wenn ich es nicht sofort gefunden hätte, hätte ich einfach angerufen und darum gebeten, abgeholt zu werden. Bei der Party hätte ich erst einmal geschaut, wann die letzte Bahn nach Hause fährt. Und wenn ich länger hätte feiern wollen, hätte ich mir per App ein Taxi nach Hause geordert.
Aber so musste ich auf alles das verzichten. Stattdessen suchte ich mir noch zuhause am PC eine Auswahl an passenden Verbindungen heraus, prägte mir auf der Karte den Weg von Haltestelle zur Party ein und notierte sicherheitshalber die Namen der Straßen, durch die ich gehen musste. Als ich nach dem Umsteigen noch sieben Minuten auf die Bahn warten musste, langweilte ich mich ziemlich, weil ich andernfalls in dieser Zeit noch schnell die neuesten Schlagzeilen auf Spiegel Online oder die neuen Blogeinträge in meinem WordPress-Reader gecheckt hätte. So schaute ich nur ein bisschen verloren vor mich hin. In der Straßenbahn schließlich beobachtete ich die Mitfahrer und bemerkte, dass ausnahmslos alle Menschen dort entweder zu zweit oder mehreren waren und sich entsprechend unterhielten oder anderweitig miteinander beschäftigten; oder sie waren alleine, dann hatten sie ihr Smartphone in der Hand und waren darauf konzentriert. Als ich ausstieg, ging ich erst einmal auf die andere Straßenseite, um an der Haltestelle dort die Uhrzeit der letzten Bahn herauszufinden. Dann suchte ich den Weg zum Jugendkeller, den ich zwar anstandslos fand; aber tatsächlich war mir etwas mulmig, weil es schon spät am Abend und eine relativ ruhige, dunkle Wohngegend war, in der kaum Menschen unterwegs waren. Mit einem Handy in der Tasche und damit der Möglichkeit, schnell jemanden anzurufen, wäre es mir wohler gewesen.

Und was ich mit dem ganzen Sermon sagen will? Ich denke in der letzten Zeit öfters darüber nach, dass das Internet wirklich viel verändert hat. Es gibt neue Möglichkeiten, neue Risiken, neue Abhängigkeiten, neue Chancen, und das alles entwickelte sich sozusagen von null auf hundert innerhalb von zehn oder fünfzehn Jahren. (Wobei wir sicher noch nicht den Schlusspunkt erreicht haben.) Ich gehöre zu der Generation, für die sich diese Entwicklung sozusagen parallel zu ihrem Erwachsen-Werden abspielte und die sich in der digitalen Welt in gewisser Weise heimisch fühlt. Aber zwei sehr gegensätzliche Dinge machen mir dabei Sorgen: Erstens finde ich es sehr bedenklich, dass die Menschen mit Entscheidungsvollmacht, also diejenigen, die in der Politik etwas zu sagen haben, scheinbar einen komplett anderen Bezug zu dieser Sphäre haben und sie in den allermeisten Fällen nur stiefmütterlich behandeln, Probleme lieber weg ignorieren anstatt konstruktiv darüber zu diskutieren und vor allem auch daran zu arbeiten. Die zweite, in gewisser Weise entgegengesetzte Sorge entspringt direkt meiner einwöchigen Zwangsabstinenz (wobei ich ja zuhause Telefon und Internet hatte, „nur“ eben unterwegs nicht): Ich fühlte mich teilweise richtig richtig unbehaglich, weil ich nicht für andere erreichbar war (obwohl ja jedem potentiellen Anrufer immer noch mein Festnetz-Anrufbeantworter geblieben wäre). Und ich langweilte mich schon, wenn ich nur fünf Minuten Wartezeit überbrücken musste. Dieser schon absolut verinnerlichte Drang nach ständigem Austausch, selbst wenn es nur totale Belanglosigkeiten sind (ich denke da an Essensfotografien auf Facebook…) und das permanente Gefühl, ja nichts verpassen zu wollen, verursachen haufenweise Stress. Alles handgemacht. Es ist ein bisschen wie das Hamsterrad, in dem man erst aus Spaß an der Freude rennt, dann immer schneller wird und schließlich überhaupt nicht mehr herauskommt, selbst wenn man aufhören möchte. Aber ein Gegenrezept habe ich auch nicht. Und überhaupt, ich muss dringend mal wieder meinen Facebook-Account checken.

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10 Kommentare zu “Smart Phones

  1. Glaube es oder nicht, aber ich habe gestern erst einen passenden Eintrag zum Thema Zeit bzw. zu langen Pausen geschrieben und finde es interessant, wie es sich hier überschneidet. Ich werde den Eintrag womöglich heut Nacht noch veröffentlichen. 🙂

  2. Eigentlich ein Thema, welches komplett an mir vorbei geht, haben Sie mich eben mit einem einzigen Worte vom Stuhle gehauen. Sermon! Daß ich das nochmal woanders lesen darf! Hach…Dankefein. Herzlichst, Käthe Knobloch.

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