Bekenntnisse eines Musicalfans

Hiermit oute ich mich als Musicalfan. Allerdings war ich früher, zu Teeniezeiten, noch viel schlimmer, will heißen: fanatischer, was dieses Thema angeht. Ich war in der Schule in einer Musicalgruppe, die Stücke aufgeführt hat und habe mein Geld für Bahnkarten und Fantickets ausgegeben. Wenn ich mit meinen Freundinnen ein Musical besuchte, war danach der Gang an die Stage Door und die Jagd nach Autogrammen und Fotos Pflicht. Außerdem war ich in einem Pia-Douwes-Fanclub. Das alles ist mir heute ein bisschen peinlich; nicht wegen Pia Douwes (die ihren inoffiziellen Titel als „Grande Dame der europäischen Musicalszene“ völlig zu Recht trägt), sondern weil ich inzwischen zu der Erkenntnis gelangt bin, dass auch Menschen, die hauptberuflich auf Bühnen stehen, eben auch Menschen mit einem natürlichen Bedürfnis nach Privatsphäre sind und ich überhaupt dieses Anhimmeln für beide Seiten, Fan und Star, eher unbefriedigend finde.
So viel zur Theorie.
Dann hörte ich davon, dass im Stadttheater Fürth die deutschsprachige Erstaufführung von „next to normal“ sein würde (ein Musical, das von einer Familie mit einer manisch-depressiven Mutter handelt, am Broadway erfolgreich war und dort auch haufenweise Preise eingesammelt hat). Das alleine kickte mich noch nicht so richtig, denn auch wenn Fürth nicht weit von mir entfernt ist (jedenfalls näher als all die „großen“ Musicalstädte), sagte mir das Stück gar nichts, und überhaupt, Fürth? Ein kleines Stadttheater? All das änderte sich jedoch schlagartig, als ich hörte: Pia Douwes wird die Hauptrolle spielen, und außerdem sind noch Sabrina Weckerlin und Thomas Borchert mit von der Partie, alles Namen, die mir noch aus meiner fanatischen Zeit gut in Erinnerung waren. Na gut. Kurzentschlossen (und dank einer lieben alten Freundin, die mich überhaupt erst auf den Trichter gebracht hat) besorgten wir uns Premierenkarten. Ein fabelhaftes Stück! Natürlich kein typisches Feel-Good-Musical, aber eine sehr gute Story, tolle Musik und eine großartige Besetzung. Selbstverständlich wollten wir uns danach die Premierenparty nicht entgehen lassen, auf der auch die DarstellerInnen ihren Erfolg feierten. Was wiederum dazu führte, dass ich während der Rede des Intendanten erst höflich und an den angemessenen Stellen applaudierte, ganz cool und souverän – um gegen Ende dann doch mein Handy herauszuholen und ein paar Fotos von den Stars und Sternchen zu knipsen. Anschließend nippten wir ungefähr zweieinhalb Stunden lang an unseren Sektgläsern, bis ich mich dazu durchgerungen hatte, eine Bekannte, die backstage beteiligt und somit gut bekannt mit den Mitwirkenden war, zu fragen, ob sie mich nicht doch mal kurz Pia Douwes vorstellen könnte, so für ein kleines Erinnerungsfoto zu zweit. Vermutlich ziemlich debil grinsend und Belanglosigkeiten sagend stand ich ihr dann also gegenüber, sie war äußerst herzlich und nahm mich für ein Foto in den Arm, und jetzt ist mir klar: Im Herzen bin ich doch ein Groupie.

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9 Kommentare zu “Bekenntnisse eines Musicalfans

      • Nicht so fanatisch wie du (wenn du das Wort benutzt darf ich das ja auch, ne?) aber ich hab auch in Musicals mitgespielt und ein Faible für kleine Produktionen (obgleich die Großen natürlich einfach…WOW sind und ich mir Wicked immer wieder reinziehen könnte). Außerdem wünsche ich mir manchmal heimlich, dass ich in einem Musical leben würde, wo es ganz normal wäre einfach in Lied und Tanz auszubrechen (und alle würde mitmachen statt dumm zu starren)…;-)

        • Das klingt sehr sympathisch 🙂 Und Wicked ist wirklich einfach WOW, das geht eigentlich immer. Früher war ich echt ein großer Fan der Stage-Produktionen, inzwischen finde ich die zwar immer noch gut, aber etwas innovativlos und zu sehr auf Mainstreamtauglichkeit bedacht. Da lobe ich mir das mutigere Stadttheater Fürth! 😉

          • Hehe, ja das stimmt…die sind oft mutiger, näher und auch günstiger…da kann man aber schnell auch mal Pech haben und, wie man sagt, ins Klo greifen.
            Wir haben in der Schule mal „Das Fastfood Musical“ aufgeführt. Ich durfte den Komposthaufen spielen…und ich war ganz und gar nicht originell…aber mein Herz war drin, sehr sogar! Ich mach mich aber auch besser als Starstruck Fan als als Performer…;-)

          • Hihi, das war sicher eine Glanzrolle 😀
            Die großen Produktionen sind natürlich technisch top und damit häufig den Kleineren überlegen. Und manchmal greift man in Stadttheatern etc. echt daneben, aber gelegentlich wird man auch mit richtig genialen Vorstellungen belohnt – so wie ich vorgestern 🙂

  1. Seitdem ich bei Spotlight gearbeitet hab, hat sich meine Sicht auf viele Musicalgrößen drastisch geändert. Man glaubt gar nicht was das für Diven sein können…mit den extravagantesten Wünschen.

    • Ich hab noch nicht mit Musical-Darstellern zusammengearbeitet, aber mit Sängern und Schauspielern. Da ist meine generelle Erfahrung allerdings, dass die Besten auch am unkompliziertesten im Umgang sind. Aber Ausnahmen bestätigen bekanntlich die Regel.

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