Frei von Peinlichkeiten

Heute hatte ich Besuch von meinem Papa. Mein Papa ist ein netter Mensch, aber er hat eine Eigenschaft, die viele – inklusive mir – gelegentlich an ihm stört: Er macht im Allgemeinen, was er gerade möchte. Unabhängig von den Menschen um ihn herum. Das dörfliche „was sollen da die Leute sagen“ ist ihm – zumindest in den meisten Situationen – ziemlich egal. Das ist vermutlich nicht die schlechteste Lebenseinstellung, wenn auch eigentlich nur als Single zu verwirklichen; für die Menschen, die mit ihm zusammen sind, ist das häufig relativ anstrengend.

In meiner Stadt war heute Altstadtfest, und abends spielte die französische Gruppe „Paris la nuit“ (übrigens sehr zu empfehlen!). Dorthin wollten wir nach einem gemütlichen Bummel durch die Stadt gehen, das war der Plan. Leider begann es eine Dreiviertelstunde vor OpenAir-Konzertbeginn furchtbar zu schütten. Vor dem heftigsten Regen schützten wir uns in einem Bierzelt, aber auch zum Beginn des Konzertes regnete es noch Bindfäden. Trotzdem sagte mein Papa: „Lass uns doch zumindest mal dort vorbei gehen.“ Am Konzertort war die Band offenbar gerade unschlüssig, ob sie das Spielen anfangen sollten oder nicht. Außer uns waren noch zwei oder drei Frauen im vorderen Bereich und ein paar wenige Menschen, die im Eingangsbereich offensichtlich darüber diskutierten, ob sie nun im Regen Musik anhören wollten oder nicht. Mein Papa ging zielstrebig nach vorne bis zum Bühnenrand, ich ihm hinterher. Unterdessen hatte sich die Band zum Beginn formiert. Mal anhören, wie die so klingen. Und sie klangen gut! Aber im Regen, mit total durchnässten Stoffturnschuhen auf einem Betonboden, auf dem das Wasser teilweise bereits stand, noch Aufmerksamkeit auf die Musik richten? Das Problem mit dem im-Wasser-stehen löste mein Papa, indem er eine der nassen Bierbänke, die dort standen, aber von niemandem benutzt wurden, einfach umdrehte und sich darauf stellte. Gute Idee, wäre ich nicht drauf gekommen. Und hätte ich mich auch nicht getraut. Aber so standen wir beide nun im Regen auf der umgedrehten Bierbank einen guten Meter von der Bühne entfernt. Papa tanzte und sang ziemlich laut mit, obwohl er kein Wort französisch versteht. Peinlich, fand ich. Aber nachdem ich nun mal da war und man das beste aus der Situation machen musste, tat ich das, was mir am passendsten erschien: Ich tanzte einfach auch. Das hätte ich mich in einer anderen, wie ich angepassten Begleitung niemals getraut. Aber es war prima! Ich hatte großen Spaß dabei und als das Konzert nach knapp anderthalb Stunden vorbei war, hatte ich fast vergessen, dass meine Füße klatschnass sind. Zwischenzeitlich konnte man sogar mal den Schirm weglegen und sich so noch viel freier bewegen, das war richtig gut. Und die Sängerin reichte mir während des Konzertes ihren Fotoapparat mit der Bitte, ein paar Bilder von ihnen zu machen. Nach dem Konzert bedankte sie sich fürs Fotografieren und dafür, dass wir ganz vorne standen und tanzten. Dinge, die mir erst peinlich oder zumindest unangenehm waren und zu denen ich mich erstmal überwinden musste. Aber ich lerne daraus: Peinlich wird etwas erst, wenn es dir selbst peinlich ist. Und: Was du peinlich findest, finden andere Leute möglicherweise cool. Also sollten wir alle mal das blöde „Uuuuh, das mache ich nicht, das ist doch voll peinlich!“ aus unserem Vokabular streichen und stattdessen einfach machen, was uns gefällt. Und wer weiß, vielleicht wird genau das dann ja ein neuer Trend…?

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