Philosophinnen und Dichterinnen

Für ein Seminar im Rahmen des Studiums beschäftige ich mich gerade ziemlich ausführlich mit Hannah Arendt. Sie wurde 1906 in Deutschland geboren, studierte Philosophie, emigrierte aufgrund ihrer jüdischen Herkunft 1933 nach Frankreich und 1941 in die USA, wo sie 1975 starb. Hannah Arendt beschäftigte sich hauptsächlich mit philosophischen und politischen Themen so wie mit spezifisch jüdischen Fragen; von ihr stammt unter anderem die These der „Banalität des Bösen“, die sie angesichts des Prozesses gegen den völlig durchschnittlich wirkenden Adolf Eichmann verfasste, der doch mit seiner akkuraten Büroarbeit dafür sorgte, dass Zigtausende von Menschen „reibungslos“ mit Güterwaggons in Konzentrationslager transportiert und dort getötet wurden.

Gestern fiel mir dann ein Gedichtband von Mascha Kaléko in die Hände, den ich eigentlich einmal meinem Ex-Freund schenken wollte; das ist jetzt passé, also begann ich, die Gedichte zu lesen. Und ich war beziehungsweise bin immer noch begeistert! Mascha Kalékos Lyrik geht in die Richtung von Ringelnatz und Kästner; sogenannte „Gebrauchslyrik“, Texte mit einer klaren und doch poetisch ausgedrückten Aussage – mit so etwas kann ich viel mehr anfangen als mit irgendwelchen avantgardistischen Form- und Klangexperimenten.

Was das jetzt mit Hannah Arendt zu tun hat? Sie teilen sich gewisse äußere Umstände: Mascha Kaléko ist 1907 in Österreich-Ungarn geboren, 1914 nach Deutschland emigriert, um wegen ihrer ebenfalls jüdischen Herkunft Pogromen zu entgehen, emigrierte aus dem selben Grund 1938 in die USA, wanderte 1960 ihrem Mann zuliebe mit ihm nach Israel aus und starb 1975 bei einem Kuraufenthalt in der Schweiz. Nicht die selbe Geschichte, aber doch sehr ähnlich; auf jeden Fall machten beide Frauen vergleichbare und mit Sicherheit prägende Erfahrungen. Und offensichtlich schaffen es die Ideen und Gedanken und schriftliche Hinterlassenschaften beider Frauen, mich nachhaltig zu begeistern und zu beschäftigen. Da stellt sich doch die Frage: Gibt es noch mehr von ihnen? Noch mehr Frauen, die im Berlin der späten Zwanziger Jahre philosophisch, literarisch oder anderweitig kulturell unterwegs und engagiert waren und schließlich um ihres Überlebens willen gezwungen waren, ihr Heimatland zu verlassen? Die die gleichen existentiellen Erfahrungen von Verfolgung und Heimatlosigkeit machten?
Fragen, denen ich auf jeden Fall nachgehen werde. Ich habe jetzt mit der Moderne und der Exilkultur einen geschichtlichen Zeitraum für mich entdeckt, der mich früher kaum interessiert hat. Welch Ironie des Schicksals, dass das genau jetzt passiert, nachdem ich mich von dem größten Fan der klassischen Moderne, den ich kenne, getrennt habe…

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