Und dann du

Auf einmal bist du da. Gerechnet habe ich ganz bestimmt nicht mit dir. Du kamst ganz plötzlich und bist mir zu Kopf gestiegen, machst mich wild und kribbelig und glitzernd. Du kaperst meine Gedanken und meine Gefühle, nimmst mich voll und ganz in Beschlag, reißt mich heraus aus den Alltagsbanden und entführst mich in eine wunderbare, warme, bunte Welt für zwei.

Und ich genieße das. Du machst, dass ich mich wieder lebendig fühle und frisch und giggelnd froh. Ich will nicht weg von dir, nicht für einen Tag, nicht für eine Stunde, nicht für eine Sekunde. Ich will dich berühren, will dich fühlen und streicheln, will dich hören und sehen und schmecken, mit allen Sinnen will ich dich in mir aufnehmen.

Es ist so gut. So gut mit dir, dass ich am liebsten nur im Jetzt bleiben würde, für immer. Den Moment speichern und immer wieder auf Repeat drücken.

Und dann taucht da am Rande, im Augenwinkel er auf. Der schon fast immer da ist, an den ich mich gewöhnt habe, der auch mal wild und neu war, aber das ist lange her. Dessen Schattenseiten ich kenne, dessen Beständigkeit ich schätzte, dessen ich mir sicher war.

Und ich frage mich: Wirkst du nur deshalb so unwiderstehlich auf mich, weil du so ganz anders bist als er? Oder erkenne ich in dir erst, wie ich auch sein könnte? Bist du ein schöner Traum oder ein dringend nötiges Erwachen? Ich weiß noch nicht, was ich denke. Was ich will. Was mir wichtiger ist, Stabilität oder Aufbruch. Ich weiß nur, dass ich dich nicht verlieren möchte. Nicht jetzt. Vielleicht auch für immer nicht. Ich weiß, dass das, was ich gerade fühle, das Beste ist, was mir in Jahren passiert ist. Und das lasse ich nicht los.

Auf der versteinerten Wanderschaft durchs Labyrinth der unterirdischen Bahnen

Ich laufe um des Laufen willens. Hätte ich nicht gedacht, dass ich so etwas mal machen würde. Ist eigentlich nicht mein Stil. Normalerweise laufe ich um des Ankommens willens. Aber heute will ich nicht unbedingt ankommen. Neues Jahr, neue Gewohnheiten? Nein. Ich mag Ankommen und ich mag es, Ankommen zu mögen. Nur hier, heute, gerade nicht.

Beim Laufen habe ich Kunst entdeckt. Kaspar-Hauser-Zitatkunst. Auf der versteinerten Wanderschaft durchs Labyrinth der unterirdischen Bahnen. Spricht mich gerade sehr an, die versteinerte Wanderschaft. Laufen, aber gleichzeitig steif und starr und bewegungslos.

Wunsch für dich

Himbeerrosa Zuckerwattewolken und heller Sonnenschein. Eine Höhle, in warmes Kerzenlicht getaucht. Das blaue, weite Meer. Der Stall mit den Tieren im Stroh aneinander gekuschelt. Das Prinzessinnenbett mit rotem Samtvorhang. Die Couch, darauf die Lieblingsdecke und dazu eine Tasse heißer Tee. Was auch immer dir gut tut, was dir Geborgenheit und Zartheit und Dir-selbst-genug-Sein schenkt, das wünsche ich dir.

Lockdownfeelings

Der Ball, auf den ich mich so gefreut hatte, fällt aus. Natürlich fällt er aus, ich hatte damit gerechnet. Ihn stattfinden zu lassen, wäre unvernünftig gewesen und ich hätte kein gutes Gefühl gehabt, dorthin zu gehen. Und trotzdem bin ich traurig, dass er ausfällt. Und wütend, weil ich glaube, dass so vieles vermeidbar gewesen wäre. So viel Leid, so viele Tote, so viel Überforderung, so viele Absagen und Ausfälle und Unsicherheiten. Ja, ich verhalte mich vernünftig. Einigermaßen zumindest. Ich sehe ein, warum Schutzmaßnahmen wichtig und richtig sind, ich bin vorsichtig, ich trage Maske und halte Abstand, werde mich rechtzeitig um einen Booster-Termin kümmern, meide große Menschenmassen, teste mich vor Begegnungen mit Risikogruppen. Aber ich habe so sehr die Nase voll. Ich wollte gerne zu diesem Ball gehen. Zu einem Konzert heute Abend, das wegen Corona ausfällt. Zu einem Junggesellinnenabschied in einer Therme, worauf ich so sehr Lust gehabt hätte, aber gerade erscheint es mir zu riskant. Zu der Geburtstagsfeier meiner Mutter, von der noch nicht klar ist, ob sie überhaupt stattfinden kann und wenn ja, ob ich hinfahre, weil die Inzidenz bei mir dreimal so hoch ist wie dort und ich nichts einschleppen möchte. Und ich merke, wie ich wieder dünnhäutig werde. Wie ich, obwohl ich früher großen Spaß an offenen Diskussionen hatte und immer alle Standpunkte verstehen wollte, inzwischen nur noch in meiner Bubble unterwegs bin, weil mich Impfgegner und Coronaleugner so wahnsinnig aufregen. Wie meine Konzentrationsfähigkeit im gleichen Maße abnimmt, wie die Inzidenzen steigen. Wie ich am liebsten nur noch auf dem Sofa sitzen und mit Filmen, Serien, Spielen oder Büchern in fiktive Welten fliehen möchte, in denen Gut und Böse klar definiert sind und am Ende immer die Held*innen gewinnen. Wie ich misanthropisch und zynisch werde, wie ich resigniere und mich biedermeiermäßig in meine kleine heile Privatwelt zurückziehe, aber nicht mal genügend Energie besitze, um die so schön zu machen, wie ich es gerne hätte. Wie mir die Empathie abhanden kommt, langsam, aber stetig, wie ich mit Freund*innen spreche und merke, dass mich ihre Probleme nicht mehr interessieren. Wie ich träge und müde werde, wie mir Kleinigkeiten endlos schwer erscheinen und Alltägliches besonders belastend. Wie meine Gedanken kreisen und nicht zur Ruhe kommen, wie mein Gehirn ein andauerndes Grundrauschen produziert, so dass mir schon das leise Summen meines Laptops, während ich diese Zeilen tippe, unerträglich laut vorkommt. Ich kann nicht mehr. Und es fängt gerade erst wieder an.

Ewigkeit

November. Ewigkeitssonntag. Zeit, an die zu denken, die schon vorgegangen sind. Onkel. Tante G. Oma. Opa. Tante C. Omi. Opapa. Großvater. Großmutter. Auch: Lischen und Nehra und Fine, Rocky und Josi und Gina und Chili und all die anderen tierischen Begleiter auf dem Lebensweg. Sie alle fehlen, manchmal oder dauernd. Und trotzdem schwingt neben der Melancholie und der Trauer ein Erinnerungsglück mit.

Onkel, der mir, als er nach seinem Herzinfarkt schon auf der Trage der Sanitäter lag, noch Anweisung gab, ihm sein Portemonnaie zu holen und mir, der kleinen Sechsjährigen, noch einen 20-DM-Schein in die Hand drückte. Es ist die letzte Erinnerung, die ich an ihn habe – die Großzügigkeit eines Mannes, der selbst nie richtig viel hatte, aber es uns nie an etwas fehlen ließ.

Tante C., bei der wir so viele Kindheitssommer verbrachten. Sie lehrte mich Rummikub und Rommé und Halma und die außerordentliche Fähigkeit, nicht zu verbittern, wenn die körperliche Gesundheit und Mobilität immer weiter nachlässt.

Oma, die es nie leicht hatte in ihrem Leben, wie wenig, das habe ich erst nach ihrem Tod begriffen. Und die dennoch immer da war für uns, die wusste, was uns interessiert und von ihrem äußerst knapp bemessenen Haushaltsbudget noch Euros abknapste, um allen Enkeln Geburtstagsgeschenke zu machen, die wirklich zu uns passten. Das Buch über Briefmarkensammler, mein Thema, als ich 12 war, steht noch immer in meinem Regal, obwohl die Philatelie nun wirklich nicht mehr mein Ding ist – aber es ist das letzte Geschenk von Oma gewesen.

Omi, der ich so viel verdanke. Meine Liebe zu Kreuzworträtseln und Kartoffelpuffern, Pragmatismus und Bodenständigkeit und die unerschütterliche Gewissheit, dass es da draußen jemanden gibt, der zu dir hält, egal was du ausgefressen hast. Unterstützung und Interesse und ein gut gefülltes Süßigkeitenregal, schon in Greifhöhe, als ich noch ein kleiner Knirps war. Geerbt habe ich von ihr die Linkshändigkeit, das „schmerzhafte Madonna“-Gesicht, wenn ich mit der Gesamtsituation arg unzufrieden bin und ein kleines Lippenstiftetui, das in meinem Schmuckregal liegt und mich fast täglich erinnert an gute 25 Jahre.

Großmutter, die mich so herzlich in die Familie aufnahm und in ihr Herz schloss. Die so gerne auf unserer Hochzeit getanzt hätte, das sagte sie immer, allein: die Füße hätten nicht mehr mitgemacht. So vieles hat sie erlebt, Umbrüche und Krisen und Krankheit und ist dennoch so stark geblieben.

Lisa, meine Kleine, das verwöhnte scheue Kätzchen, das sich von mir zähmen ließ und mir seitdem nicht mehr von der Seite wich. Die Charakterkatze, eigenwillig im Äußeren und im Verhalten, aber so loyal, wie niemand es von einer Katze vermuten würde. Sie wartete auf mich, bevor sie starb.

Nehra, die Hündin meines Herzens, auch sie ein elegantes und scheues Tier, das sich seine Menschen sorgfältig aussuchte. Ich bin froh, dazugehört zu haben.

Manche Erinnerungen schmerzen. Aber die meisten sind schön, schön geworden vielleicht oder schon immer gewesen. Im November kommen sie besonders oft zu mir und ich bade darin. Und dann steige ich wieder heraus in meine Gegenwart. Irgendwann, ihr Lieben, spüren wir uns wieder.

Momentaufnahme

Und dann spielt da einer Leonhard Cohen in der Fußgängerzone, unter den künstlichen Tannengirlanden, deren Beleuchtung erst in zwei Wochen angeschaltet wird, zwischen den Marktständen, die noch Antipasti und regionalen Honig verkaufen statt Glühwein und Weihnachtssternen, mitten unter den Menschen, die schon hastig sind vom gefühlten Vorweihnachtswinterstress, aber noch nicht so hastig, dass nicht doch ein paar vor ihm stehenbleiben und zuhören würden, im Schatten der Kirche, die groß und still über ihm aufragt, und ich stehe neben der Antipasti-Bude und freue mich über den unerwarteten stillen Moment im Lauten.

Geduldig sein

Heute mal wieder so ein schlaffer Tag. In der Arbeit irgendwie gestresst, aber gleichzeitig sehr unproduktiv. Auf dem Heimweg im Stau. Gereizt, gestresst, schlechte Haltung, angespannt. Dann in die Kurzandacht, in der Hoffnung, mich zu erden. Die Predigt geht ums Geduldigsein. Ums nicht Hinschauen-können, wenn etwas ineffizient erscheint. Anschaulich illustriert anhand der Bienen auf Pfarrerins Balkon, die einfach nur in die Winz-Blüten fliegen und nicht in die großen, prächtigen Blütentrichter, aus denen doch, so die menschliche Einschätzung, viel mehr, schneller, effizienter herausgeholt werden könnte. Und ich muss lachen, weil ich mich ertappt fühle. Ich kann es auch nicht, Ineffizienz ertragen. Und bin doch selber lange nicht so produktiv und eifrig, wie ich es gerne wäre. Kein Wunder, dass ich mich selbst nerve. Also beschließe ich, heute Abend geduldig zu sein. Geduldig mit mir selbst, wenn ich bei der ersten Pilatesstunde nach dem Urlaub vergessene Muskelstränge mit Mühe reaktiviere und bei den Übungen stets die leichteste Variante wähle. Geduldig, wenn ich mir die kümmerlichen Nudelreste von gestern aufwärme und den Magen mit Chips und Obst auffülle, statt etwas Ordentliches zu kochen. Geduldig, wenn meine Aufnahmefähigkeit eben nicht mehr für die Dissertation von Hannah Arendt über den Liebesbegriff bei Augustin reicht, sondern ich mich stattdessen durch Netflix klicke. Es ist ok, auch mal unproduktiv zu sein. Transitionsphasen sind auch ohne zusätzlichen Druck anstrengend. Das versuche ich zu lernen.

Wertvoll

In den letzten anderthalb Jahren hatte ich zunehmend das Gefühl, unzureichend zu sein. Nichts fertig zu bekommen. Nicht genügend Energie für Dinge aufzuwenden. Faul zu sein. Zu resignieren. Zur Zynikerin zu verkommen. Schwach zu sein. Gelähmt zu sein. Lustlos und unmotiviert zu sein. In meinem Kopf immer gleichzeitig eine metaphorische Wand, durch die man nicht hindurchkommt, und ein Zug, der auf den Abgrund zurast und keine Möglichkeit, ihn aufzuhalten. Und das alles in schmerzhaftem Kontrast zu dem Selbstbild, das ich doch eigentlich von mir hatte und schätzte, nämlich pragmatisch, hilfsbereit, optimistisch, zupackend, empathisch zu sein.

Ich weiß nicht, ob es an Corona liegt, an dem Job, mit dem ich nicht glücklich bin, oder an etwas anderem oder einer Kombination aus vielen Dingen. Aber ich weiß, dass sich etwas ändern muss. Umso froher bin ich, dass ich nächsten Monat eine andere Stelle anfange. Projektbezogen, befristet, in einer Institution, bei der ich auch noch nicht genau weiß, ob sie so richtig gut zu mir passt. Aber es ist ein Neuanfang.

In der letzten Woche haben mir zwei Menschen, unabhängig voneinander, gesagt, dass sie mich gerne sofort einstellen würden, wenn das Geld da wäre, das vor allem wegen Corona an so vielen Stellen gerade fehlt. Das tat so unendlich gut, zu hören, dass ich wertgeschätzt werde, mit meiner Arbeit, als Person. Ein Arbeitsplatz mit Wertschätzung, wo ich so sein kann, wie ich bin, wo ich hineinpasse mit all dem, was mich ausmacht und was ich mitbringe, das wär’s. Vielleicht wird es ja was.

Alles muss raus

Einfach mal alles rauslassen. Die Wut und die Hilflosigkeit. Den Frust und den Zorn und den Widerwillen und die Angst. Die Ohnmacht, die Panik, die Bestürzung. Auch die ganzen Betäubungsstrategien. Den Sarkasmus und den Zynismus und das Ohrenzuhalten und Augenschließen und Unterderbettdeckeverkriechen. Das Teetrinken und Zeitunglesen und das analytische Zerreden. Das Schuldzuschieben und die altklugen Besserwissereien, die Insta-Stories und Online-Petitionen, die ablassartigen Unterschriften und die fahle Gewissheit, nicht genug getan zu haben. Das schlechte Gewissen, weil es mir doch so gut geht. Das schlechte Gewissen, weil es mir so schlecht geht, obwohl es mir doch so gut geht.

Alles muss raus. Raus aus mir, raus aus meinem Herz und meinem Kopf. Raus, weil es mich kaputt macht. Aber wohin? Gott, wenn es dich gibt, würde ich es gerne dir geben. Und habe deshalb sofort schon wieder schlechtes Gewissen. Man bürdet doch keinem seinen alten Müll auf. Nicht mal Gott. Der hat schon genug zu tragen, denke ich mir. Obwohl, keine Ahnung, ist das vielleicht sein Job? Trotzdem nicht nett.

Aber wer weiß, vielleicht kann er/sie ja was damit anfangen. Upcycling oder so. Kann ich mir zwar nicht vorstellen. Aber ich verstehe ja viele Dinge nicht. Quantenphysik oder wie Zellen sich vermehren oder warum das Universum sich ausdehnt. Also, warum nicht schlechte Gefühle recyceln und was Gutes daraus machen?

Für heute habe ich mein Gutes jedenfalls gefunden. Die zwei Männer, die während des Regenschauers in der Unterführung Musik gemacht haben. Heitere, beschwingte, fröhliche Musik. Die beiden anderen Männer, die an der Wand gegenüber lehnten und laut mitsangen, so dass es im ganzen Tunnel schallte. Ooho-o! Und das Pärchen, das in der Mitte tanzte, Salsa, ganz selbstverständlich, als machte das jeder bei Regen unter der Burgmauer Dienstag Abend um halb zehn.

Mit diesem Guten heute ins Bett. Einschlafen, ruhen, im Wort- und metaphorischen Sinne hoffentlich. Und morgen in einen neuen Tag.