Zu spät

Und wieder einmal zu spät gekommen. Wieder einmal nicht Adieu gesagt. Eine Nachricht erst versendet, als sie niemand mehr lesen konnte. Abschied erst im schwarzen Kleid von einer kleinen Fotografie. Und draußen blüht der Mohn.

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Österreichisches Fundstück

Letztes Wochenende war ich auf einer Präsenzveranstaltung für mein Studium, auf dem ein österreichischer Kommilitone, gefragt nach der politischen Situation in Österreich, sinngemäß antwortete, es sei zwar prinzipiell alles besch***en, man müsse allerdings bedenken, dass Österreich kleiner als Bayern und die Situation dort deshalb trotzdem nicht wirklich relevant sei.

Von dieser Interpretationsweise mag man halten, was man will; ich habe mich jedenfalls gefreut, als ich über piqd auf eine Rede gestoßen bin, die der Schriftsteller Michael Köhlmeier anlässlich des Gedenktags gegen Gewalt und Rassismus im Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus vor dem Österreichischen Nationalrat hielt. Er nutzt seine Rede nicht nur, um an vergangene Gräueltaten zu erinnern, sondern auch, um vor Wiederholungen in anderer Form zu warnen. Der wohl wichtigste Satz seiner Rede: „Zum großen Bösen kamen die Menschen nie mit einem großen Schritt, sondern mit vielen kleinen, von denen jeder zu klein schien für eine große Empörung.“

Diese Erinnerung scheint mir sehr wichtig, hilfreich und nötig zu sein in Zeiten, in denen Ministerpräsidenten auch hierzulande munter Religionen gegeneinander ausspielen, Polizeibehörden die umfangreichsten Eingriffsrechte seit 1945 bekommen sollen, von der Bundesregierung geplant wird, Menschen in Lagern zu konzentrieren und ehemalige Minister sich öffentlich darüber echauffieren, dass Menschen rechtsstaatliche Mittel nutzen.

Watch for wishes

Gestern war ich, mal wieder etwas Neues, zum ersten Mal auf einer Filmpremiere: „Robin – watch for wishes“ hatte seinen großen Start auf der Leinwand. Ich bin dort mehr oder weniger zufällig gelandet, weil eine alte Schulfreundin maßgeblich an diesem Film beteiligt war und mich eingeladen hatte. Zuvor wusste ich nur, dass es im Film irgendwie um einen kranken Jungen geht, dass es zum Teil in Südafrika spielt und dass das Ganze irgendwas mit Charity zu tun hat. Nachdem ich jetzt nicht nur den Film gesehen habe, sondern auch noch viel über das Projekt, das dahinter steht, gelernt habe, bin ich von der Idee schwer begeistert und möchte sie euch gerne ans Herz legen:

Im Film „Robin“ geht es um einen unheilbar kranken Jungen, Robin, der eine Liste mit Dingen aufgeschrieben hat, die er noch erleben möchte. Sein Vater John möchte ihm diese Wünsche erfüllen. Es folgen ein verrückter Roadtrip, Poetry-Slams, Polizeieinsätze und ein wirklich unerwarteter Twist am Ende – mehr soll nicht verraten werden. Und das Praktische an diesem Film ist: Ihr müsst dafür nicht ins Kino gehen, sondern könnt ihn in den nächsten vier Wochen in voller Länge und bester Qualität auf Youtube sehen. Völlig kostenlos für die Zuschauer – und mit einer tollen Nebenwirkung: Mit jedem Aufruf des Films auf Youtube gehen zehn Cent an drei Einrichtungen, die sich für Kinder und / oder die Bekämpfung von schweren Krankheiten einsetzen: DKMS, McDonald’s Kinderhilfe und SOS Kinderdorf.

Dieses „Watch for wishes“-Projekt ist der Versuch eines „social impact movies“, also eines Films, der nicht nur künstlerisch ansprechend ist, sondern auch noch etwas Gutes bewirkt. Damit die Produktionskosten minimiert werden, haben Cast und Crew ohne Gage gearbeitet. Damit das Projekt an sich aber erfolgreich wird, kommt es darauf an, dass so viele Menschen wie möglich in den nächsten vier Wochen „Robin“ auf Youtube ansehen (es lohnt sich, wirklich!) und den Film gerne auch über soziale Medien verbreiten. Wenn sich dieses Projekt, das es in dieser Form noch nicht gab und damit auch ein Experiment ist, welche neuen Wege sich in der Filmproduktion, -finanzierung und -verbreitung gehen lassen, erfolgreich ist, könnte es der Vorreiter für andere Filme sein und damit vielleicht noch für viel mehr Menschen Gutes tun. Also los: anschauen und teilen!

Karfreitagstrubel

Karfreitag, der erste sonnig-warme Frühlingstag in diesem Jahr. Die Stadt ist voller Menschen, die Cafés und Eisdielen sind ausgelastet, es herrscht eine beschwingte Stimmung. Und dann im Gottesdienst das Gedenken an Tod, an Trauer, an Ohnmacht. Es ist ein etwas surreales Gefühl, aus der Kirchenstille wieder hineinzutreten ins laute, bunte Alltagsleben. Doch beides hat seine Berechtigung.

Träumen mit den Beinen

Madame tanzt gerne. Weil Musik eine tolle Sache ist. Weil gute Musik auf magische Weise direkt in die Beine fließt. Und vielleicht ein bisschen aus Eitelkeit, weil Tanzen neben Eiskunstlauf die einzige Sportart ist, bei der man elegant aussehen kann.

Monsieur hingegen findet Tanzen eher so lala. Madame versucht seit Jahren, ihn von einem gemeinsamen Tanzkurs zu überzeugen. Weil Tanzen so toll ist. Und eine außergewöhnliche Paarerfahrung. Aber Monsieur findet seit Jahren immer wieder Argumente, warum ein Tanzkurs jetzt gerade nicht geht. Wegen verschiedenen Städten. Wegen Studium. Wegen Schreiben. Inzwischen sind ihm die Argumente ausgegangen und die Beziehung vertraut genug, dass er offen sagen kann: Ich habe einfach keine Lust dazu.

Na gut, sagt Madame, dann tanze ich eben mit jemandem anderen. Prima, sagt Monsieur, hab Spaß, ich freue mich, wenn ich nicht herhalten muss. Also sucht sich Madame einen anderen Tänzer. Und hat heute Abend zum ersten Mal seit vielen Jahren wieder so richtig das Tanzbein geschwungen. Jetzt sind die Füße geschwollen, im Kopf wirbelt es vor bunten Eindrücken, neu gelernten alten Schrittfolgen. Und Madame ist glücklich.

In eigener Sache

Ich weiß nicht, ob ich das in diesem Blog schon einmal erwähnt habe, aber ich engagiere mich seit einigen Jahren auf einem Mensch-Tier-Begegnungshof in der Rhön: Lamahausen. Dort haben, wie die Bezeichnung schon andeutet, Menschen aller Couleur die Möglichkeit, mit Tieren verschiedenster Art in Kontakt zu kommen. Das halte ich für eine gute Sache, denn ich finde es erstens sehr wichtig, dass Menschen, die im Alltag vielleicht keinen Kontakt zu Tieren haben, dort Tiere in einer natürlichen Umgebung erleben können; zweitens habe ich auch schon erlebt, wie Menschen, auch mit Beeinträchtigungen psychischer oder physischer Art, im Tierkontakt aufblühen können und glaube, dass das sehr gut tun kann.

Lamahausen nennt sich nicht nur einfach Mensch-Tier-Begegnungshof, weil das gut klingt, sondern es ist ein von der Stiftung Bündnis Mensch & Tier zertifizierter Begegnungshof, der damit zum Netzwerk Begegnungshöfe gehört – es gibt derzeit elf Begegnungshöfe im deutschsprachigen Raum, die hohe Tierwohlkriterien erfüllen müssen und jährlich daraufhin überprüft werden. Außer der Qualitätssicherung geht es im Netzwerk Begegnungshöfe aber auch um Vernetzung unter den Höfen, um die Wertschätzung von tiergestützter Arbeit und eine Stärkung des Bewusstseins für Tiere als fühlende Lebewesen, die einen artgerechten und sensiblen Umgang mit ihnen verdienen.

Das Netzwerk feiert dieses Jahr sein zehnjähriges Bestehen. Zu diesem Anlass gibt es zwei kleine Stoffschafe namens Lambert und Lamberta, die in diesem Jahr eine Reise von Begegnungshof zu Begegnungshof machen werden, um die Höfe kennenzulernen und herauszufinden, was man dort alles erleben kann. Diese Reise wird durch einen Blog dokumentiert, den ich führen werde. Ihr könnt ihn unter lambertundlamberta.wordpress.com finden und seid herzlich dazu eingeladen, dort einmal vorbeizuschauen, wenn ihr euch für dieses Thema interessiert.

Und falls jemand dadurch so neugierig wird, dass er oder sie so einen Begegnungshof mal live erleben möchte: Außer dem Netzwerk Begegnungshöfe wird auch der Verein Lamas helfen Menschen e. V., der der Träger von Lamahausen ist, zehn Jahre alt. Um beide Jubiläen gebührend zu feiern, gibt es am 11. August ein großes Fest in Lamahausen, bei dem alle Interessierten herzlich willkommen sind.

Melancholietrashfundstück

Zur Zeit, ich kann nicht genau sagen weshalb, packt mich die Melancholie. In abgemilderter Form allerdings, vor allem habe ich gerade eine ausgesprochene Vorliebe für tragische Figuren, Momente, Filme, Musik. Kombiniert mit der Tatsache, dass eine gute Freundin mich vor kurzem von der trashigen Schönheit von Doctor Who und Torchwood überzeugt hat und ich nach einer Krankheitswoche mit vier Staffeln Torchwood am Stück auf einmal schlimme Fangirl-Züge an mir erkannte, die ich in Teenagertagen überwunden zu haben glaubte, begleitet mich nun schon seit einer Weile ein Song aus dem Siebziger-Jahre-Musical „Mack and Mabel“: „I won’t send roses“ in der Interpretation von John Barrowman, der, und hier schließt sich der Kreis, die männliche Hauptrolle in Torchwood verkörpert. Obwohl Mack in diesem Lied versucht, Mabel davon zu überzeugen, dass er ganz und gar nicht als Liebhaber geeignet ist, und obwohl er damit letztendlich auch recht behält, halte ich diesen Song für eines der großartigsten Liebeslieder, die ich in der letzten Zeit gehört habe.

Winterwonderland

Als Stadtbewohnerin bin ich ja fast keinen Schnee mehr gewöhnt. Die Winter hier sind üblicherweise eher grau, nass und matschig als weiß und pulvrig. Aber heute habe ich ganz unverhofft einen richtigen Wintertag erlebt. Ein Stück Kindheitsmagie: In der unberührten Schneedecke hinterlassen wir unsere Abdrücke, stapfen nebeneinander durch den knöchelhohen Pulverschnee. Die Schuhe werden weiß, es ist kalt und nass, aber gleichzeitig scheint die Sonne auf uns und den Schnee und beleuchtet die Stille, so dass die Kälte und die Nässe und die unfreiwilligen Landungen auf dem Allerwertesten überhaupt nichts ausmachen, weil das Gesamtbild so unfassbar ruhig und stimmig ist. Es ist eine distanzierte Art von Schönheit, aber deshalb nicht weniger wertvoll als die Frühlingsblumenwiesen oder das satte Sommergrün oder die Herbstlaubmelancholie. In den letzten Jahren spürte ich den Winterzauber kaum, ob es am Stadtleben oder am Älterwerden liegt, weiß ich nicht. Aber heute, für einen kurzen Moment, kam er zurück.

Hinterbühnenblues

Ich habe einen Hinterbühnenjob. Während auf der Bühne kleine oder große Kunst gemacht wird, wuseln meine Kollegen und ich dahinter herum und sorgen dafür, dass auf der Bühne alles seinen geplanten Gang gehen kann. Wenn wir unsere Jobs gut machen, sind wir unsichtbar. Und das ist vollkommen okay. Menschen sind häufig überrascht, wenn ich ihnen erzähle, dass selbst bei einem kleinen Vier-Mann-Stück manchmal vierzehn Leute hinter den Kulissen beschäftigt sind, damit alles funktioniert. Und dabei ist das Vorderhauspersonal, also all die Menschen, denen man an der Kasse, an der Garderobe oder bei der Kartenkontrolle begegnet, noch nicht mit eingerechnet.

Wir Hinterbühnenarbeiter sind ein gutes Team. Wir arbeiten gerne zusammen, wir freuen uns mit den Schauspielern über eine gute Vorstellung, genauso wie wir mit ihnen gefrustet sind von einem nicht reagierenden Publikum oder einer drögen Inszenierung. Und wir sind stolz darauf, Abend für Abend beizutragen zu den Geschichten, die auf der Bühne erzählt werden. Wir sind unsichtbar, aber ohne uns würde es nicht funktionieren. Theoretisch weiß das auch jeder. Umso enttäuschender ist es, wenn im Alltag dann doch wieder zwischen „Technik“ und „Kunst“ in Hierarchieebenen unterschieden wird. Wenn der „Kunst“ zur gelungenen Premiere gratuliert wird, die „Technik“ aber leer ausgeht. Wenn die „Kunst“ beschließt, ein Vorstellungsjubiläum mit einem gemeinsamen Essen zu feiern und dabei vergisst, der „Technik“ Bescheid zu geben. Wenn sich „Künstler“ nur so lange mit „Techniker“ unterhält, bis jemand anderes von der „Kunst“ dazukommt und die „Technik“ dann keines Blickes mehr gewürdigt wird.

Es ist schade, dass diese hierarchische Unterscheidung immer wieder gemacht wird. Ja, die Kunst entsteht auf der Bühne, nicht dahinter. Aber ohne uns würde der Zauber, die Illusion, das Magische nicht funktionieren. Es gäbe keine Kostüme, keine Requisiten, keine Perücken und kein Make-Up, kein Bühnenbild, keine Beleuchtung, keinen Nebel und keine Musik. Wir bleiben gerne unsichtbar und lassen unsere Arbeit für uns wirken. Aber gleichberechtigt behandelt zu werden, das wäre schon schön.