Körpergedächtnis

Ich war 16 Jahre alt und auf der Suche, nach Wissen, nach Erfahrung, nach Gott, nach Freunden, nach Gemeinschaft, nach Sinn, nach mir. Sie war viel älter als ich, in Jahren und in allem anderen und zuvorderst in Weisheit, und nahm sich Zeit für meine Fragen, meine Entdeckungen, meine Bedürftigkeit. Ich weiß nicht mehr, was sie sagte, worüber wir redeten, aber ich erinnere mich an diesen Abend, an dem irgendein Saalprogramm in einem Familienurlaub geboten wurde, vielleicht war es ein Bunter Abend, das weiß ich nicht mehr. Ich erinnere mich daran, dass ich im Schneidersitz vorne saß, vor der ersten Stuhlreihe, und dass sie in der ersten Reihe saß und ich vor ihr und dass ich mich so gerne anlehnen wollte, weil ich mich nach Nähe sehnte, und dass ich gleichzeitig Angst davor hatte, mich anzulehnen, weil ich nicht wusste, ob ihr das unangenehm ist, es wäre nur Rücken an Beinen gewesen, nichts Schlimmes eigentlich, aber ich wollte mich keinesfalls aufdrängen, nicht die unsichtbare Linie überschreiten, hinter der auch nur die sanfteste Zurückweisung droht, und so lehnte ich mich ganz absichtlich nur versehentlich manchmal ein bisschen zurück und richtete mich gleich wieder nach vorne und dann kam der Moment, in dem ich ihre Hand auf meiner Schulter spürte, die da ganz liebevoll lag und mir signalisierte „du bist ok, Nähe ist ok, Berührung ist ok, bleib hier“, und ich lehnte mich an sie und spürte Beine im Rücken und eine Hand auf der Schulter und war beseelt.

Gute Tage

Zur Zeit wird viel gejammert. Auch von mir. Deshalb möchte ich auch für mich selbst festhalten, dass heute ein richtig guter Tag war: Morgens vor dem Wecker aufgewacht, die gewonnenen Minuten genutzt für entspannte Dehnübungen unter der Bettdecke und dieses angenehme Zwischending aus Nacht- und Tagträumereien, das ich am Wochenende so genieße und das unter der Woche meist zu kurz kommt. Arbeit im Homeoffice ohne lange Wege und Fahrerei, viel zu tun, konzentriertes Arbeiten, Aufgaben, die Spaß machen und in der Mittagspause ein kurzer Spaziergang um den Block zum Sonne tanken an diesem wunderbar vorfrühlingshaften Tag. Am Nachmittag das fünfte Zoom-Date des Tages und das erste aus privaten Gründen, meine geistliche Begleitung, die mir in einer persönlichen Übergangsphase und auch durch diese merkwürdige Zeit hilft. Heute machen wir früher Schluss – denn alles ist gut. Danach ein bisschen entspannter Alltag mit Monsieur, leckeres Risotto zum Abendessen und schließlich ein letztes Mal Zoom, diesmal für meine wöchentliche Pilatesstunde, bei der ich feststelle, dass meine Bauchmuskeln heute wirklich gut arbeiten und die verkürzten Sehnen in den Beinen zumindest ein bisschen dehnbarer geworden sind. Ausklingen wird der Tag wahrscheinlich entspannt auf dem Sofa mit ein paar Runden in der Welt von Forza Horizon und meinem aktuellen Strickprojekt. Ein ganz normaler Dienstag.

Vielleicht ist morgen schon wieder alles doof. Aber heute, an einem ganz normalen Dienstag, bin ich trotz der Gesamtsituation ziemlich zufrieden. Und das ist gerade Gold wert.

Vorfrühlingsfreude

Nein, das ist wahrscheinlich noch nicht der richtige Frühling. Es riecht noch nicht danach und bestimmt wird es noch einmal kalt und nass und ungemütlich, bevor der Winter sich endgültig verabschiedet. Aber dennoch feiere ich die Sonne und ihre wärmenden Strahlen. Ihre Superkraft ist die gelöste Atmosphäre, das Gefühl von Lebendigkeit, das auf einmal unter den Menschen herrscht: Statt gehetzten Passanten mit hochgezogenen Schultern unter dicken Jacken, Schals und Mützen begegnen mir heute durch den Park bummelnde Pärchen, spielende Kinder und Menschen, die lächeln, wenn man ihnen auf dem Bürgersteig entgegenkommt. Ich lächle zurück.

Sara

Groß ist sie und schlank, oder trifft ‚sehnig‘ es besser? Ihre langen grauen Haare fallen über die Schultern, ihr Gesicht spricht ungerührt von langen Lebensjahren, von Abenteuern, die erst im Rückblick den Stempel Abenteuer bekommen haben und währenddessen eher Gefahren waren. Es erzählt von Enttäuschungen, auch von Hoffnung, die sich einfach nur zu selten erfüllte. Von einem Leben als starke Frau an der Seite eines Mannes, der zu Großem bestimmt war und doch so oft vertröstet wurde, ein Mann mit Ambitionen und Angst, mit starken Entscheidungen und feigen Momenten. In denen war es gut, dass er Sara hatte. Sara ist stark, Sara ist klug, Sara weiß, was zu tun ist. Sara hat keine Angst, und wenn sie doch welche hat, dann zeigt sie sie nicht. Sie gibt sich dann einfach noch härter und stärker und unnachgiebiger, das haben die Menschen in ihrem Umfeld schon so manches Mal erleben müssen.

Wenn es Sara gut geht, ist sie eine großzügige Frau. Dann feiert sie Feste, beschenkt ihre Freundinnen und ihre Angestellten. Sie interessiert sich für die Menschen um sie herum, und sie bekommt mehr mit, also so mancher ihr zutraut. Sara weiß, wer gerade knapp bei Kasse ist, welche Frau von ihrem Mann geschlagen wird, welches Kind unglücklich ist, weil es schlecht im Lernen ist und Ärger mit Eltern und Lehrern befürchtet. Und wenn Sara mit sich selbst im Reinen ist, dann hilft sie, wo sie kann. Meistens indirekt, sie kann die Unterwürfigkeit, die zu oft mit Dankbarkeitsbekundungen einher geht, nicht ausstehen. Lieber lächelt sie still in sich hinein, wenn ihr begeistert von unerwarteten Wendungen berichtet wird.

Wenn es Sara nicht gut geht, wenn böse Vorahnungen oder die Dämonen der Vergangenheit Besitz von ihr ergriffen haben, dann verändert sich ihre Körperhaltung. Statt entspannt im Schneidersitz auf einem Kissen am Fußboden zu sitzen, steht sie gelehnt an eine Wand, ihr starker Fuß immer bereit zum Rennen, Laufen oder Treten, die Arme schützend vor der Brust verschränkt, der Nacken angespannt, in den Augen ein argwöhnisches Funkeln. Sie ist dann schweigsamer, und was sie sagt, ist mit kleinen Stacheln versehen. Sie kennt jeden hier genau, sie weiß auch, welche klitzekleinen verbalen Hiebe ins Schwarze treffen. Die Menschen um sie herum versuchen dann, sie zu meiden, was Sara nur noch misstrauischer macht.

Zum Glück ist ihr Mann in diesen Momenten für sie da. Er schafft es, sie aus den Tiefen herauszuholen, und das rechnet Sara ihm hoch an. Die beiden passen gut zueinander: Sie teilen den Ehrgeiz, über sich hinauszuwachsen, etwas aus sich zu machen, etwas zu hinterlassen, wenn sie einmal nicht mehr da sind. Beide sind schlau, sie können sich anpassen und das Beste auch aus widrigen Situationen machen. Doch sie haben auch Unterschiede. Der größte liegt darin, wie sie mit der Zukunft umgehen: Während er der geborene Optimist ist, sieht sie die Welt pragmatischer. Sitzen sie jemandem gegenüber, der ihnen Geschenke und eine blühende Zukunft verspricht, ist Saras Mann hellauf begeistert, während sie skeptisch wird und im Geiste den Haken sucht. Oft findet sie ihn, und er ist am Ende heilfroh, dass ihr Scharfsinn ihn vor leichtsinnigen Fehlentscheidungen gerettet hat.

Dennoch: Wenn Saras Mann ein Versprechen gegeben wird, glaubt er daran, dass es eingehalten wird. Selbst, wenn dasselbe Versprechen von derselben Person seit Jahren immer und immer wieder aufs Neue gegeben wird und nichts passiert. Sara ist da vorsichtiger. Ein gebranntes Kind, sozusagen.

A propos Kind: Das war so ein Versprechen. Sie haben es versucht, jahrelang. Aber nichts ist passiert. Also entschied Sara, ihrem Mann mit einer anderen Frau zu einem Kind zu verhelfen. Pragmatisch, wie sie eben ist. Sie hätte nicht gedacht, dass es ihr so nahe gehen würde, die Andere zu sehen. Mit dem Kind ihres Mannes, das nicht ihres ist und das ihr Mann dennoch liebt. Natürlich liebt er es, es ist ja sein Kind. Sara weiß, dass es nutzlos ist, eifersüchtig zu sein – die ganze Geschichte war ja ihre eigene Idee -, aber trotzdem ist sie es. Das mit den Gefühlen ist schon eine vertrackte Sache.

Manchmal wird es leichter, wenn man sie einfach ein bisschen von sich wegschiebt. Die Eifersucht, den Trotz, die Enttäuschung. Auch die Hoffnung, das Vertrauen, die Güte – sie liegen alle in derselben Kiste, das Gute und das Schlechte. Und dann lehnt Sara wieder an der Wand, mit den verschränkten Armen und dem skeptischen Herzen und der Enttäuschung und der Hoffnung in der Kiste weit weg. Ihr Mann hat unerwarteten Besuch bekommen. Sara lauscht, oder besser, sie hört mit, was die Männer eben sagen hinter dieser dünnen Wand, was kann sie schon dafür, dass alles so durchlässig ist hier. Und da ist es schon wieder, das unsägliche Versprechen. Ihr Mann, der große Glaubende, nickt brav. Und Sara? Sie lacht. Sie lacht über die immer gleichen Verheißungen, aus denen noch nie etwas geworden ist und nie etwas wird. Sie lacht über die Chuzpe der Gäste, das ewig Gleiche zu verkünden, ohne es je einzulösen, und über ihren Mann, der noch immer daran glaubt. Sie lacht bitter, sie lacht, damit sie nicht weinen muss, weil sie es so gerne auch glauben würde. Aber glauben kann sie nicht mehr, nicht nach all der Zeit.

Ein Jahr später lacht Sara wieder. Dieses Mal lachen auch ihre Augen mit. Die Männer haben Recht behalten, das Versprechen wurde eingelöst. Wer hätte das gedacht?

So eine unbändige Lust

Ich habe so eine unbändige Lust, Menschen zu treffen. Ich möchte mich ins Auto setzen und zu all den Herzmenschen nah und fern fahren, Zeit wirklich miteinander verbringen, reden über Belangloses und Tiefgreifendes, gemeinsam Essen kochen, spazieren gehen, umarmen, halten und gehalten werden.

Ich möchte eine große Party schmeißen mit allen Menschen, die ich mag. Ich möchte ein Fest mit mehr Gästen als Stühlen, mit Küchengesprächen und Sekt aus Tupperbechern und Gesprächen zwischen Personen, die sich vorher noch nicht kannten. Ich möchte frühmorgens erschöpft und angedüdelt ins Bett fallen und am nächsten Tag fröhlich mit den Übernachtungsgästen den Geschirrberg abspülen und Reste frühstücken.

Ich möchte ins Theater gehen und mich von echten Schauspieler:innen, die dort auf der Bühne sprechen und schreien und lachen und weinen und schwitzen, in eine andere Welt mitnehmen lassen. Ich möchte Teil eines Publikums sein, das gemeinsam erlebt.

Ich möchte Stadtleben erleben, durch Straßen schlendern und Schaufenster bestaunen, in kleine Läden gehen, zufällig Bekannte in der Fußgängerzone treffen und einen Plausch halten, über den Wochenmarkt spazieren, Kuchen in einem Café essen oder Crèpes von der Bude neben der Kirche, mich in der Innenstadt auf eine Bank setzen und das Treiben um mich herum beobachten.

Wenn ich mir irgendetwas von 2021 wünschen darf, dann das.

Geboren werden – Wunder sein

Die Feiertage im Dezember kommen mir zu schnell hintereinander. Es ist schon Silvester und allgemein wird erwartet, dass man sich Gedanken zum vergangenen Jahr macht, Bilanz zieht, Vorsätze fürs neue Jahr fasst, und ich denke immer noch über Weihnachten nach. Sei’s drum.

Eigentlich verrückt, dass man so ein großes, pompöses Fest gemacht hat aus der Geschichte von einem Baby, das in einem Stall zur Welt kommt. Ich meine, es ist erstmal nur ein Baby in einer armen Familie, Eltern unverheiratet, sie schlafen in einem Stall zwischen den Tieren und legen das neugeborene Kind in eine Futterkrippe. Auf den Bildern ist die immer voll mit Heu, aber in Wirklichkeit lagen darin wahrscheinlich nur noch die strohigen Reste, die kein Tier mehr wollte. Gerade so, dass eine Stoffwindel da ist, die man dem Kleinen umwickeln kann, aber für einen kuscheligen Strampler, eine von der Oma liebevoll bestickte Decke oder ein bequemes Kissen hat es nicht gereicht.

Und dennoch hat sich diese Geschichte so hartnäckig gehalten, ist bunt ausgemalt und glorifiziert worden. Klar. Ohne Jesus hätte es kein Christentum gegeben, das so einen großen Einfluss auf die Weltgeschichte hatte – im Guten wie im Schlechten. Wie auch immer man zu der Frage steht, ob Jesus nun der Sohn Gottes war oder nicht, auf jeden Fall hat er eine Menge Dinge bewirkt, und die, die sich auf ihn berufen haben, noch viel mehr. Aber wenn man sich Jesus unter dem Sohn-Gottes-Aspekt anschaut, ist ja eigentlich das Ende seines Lebens viel entscheidender als die Geburt. Nicht umsonst ist das Kreuz als Zeichen für Tod und Auferstehung das Symbol des Christentums geworden und nicht die Futterkrippe. Warum wird also Weihnachten so viel größer gefeiert, ist mit so viel stärkeren Emotionen verbunden und auch über das Christentum hinaus in so viele Bräuche und Traditionen eingegangen?

Ich glaube, das Besondere an Weihnachten ist das Wunder, das sich mit jeder Geburt ereignet. Natürlich, aus christlicher Sicht ist das größere Wunder die Auferstehung nach dem Tod, aber das muss man eben glauben. Dass Babys geboren werden, kann man nicht nur glauben, sondern direkt erfahren. Und mit jedem Kind, das geboren wird, findet ein neuer Mensch Platz auf diesem Planeten, auf dem er oder sie ein kleines oder auch größeres Stück gestalten wird. Vielleicht wird dieses Kind wunderbare Musik schreiben. Oder wunderschöne Bilder malen. Vielleicht wird es sich für seine Mitmenschen einsetzen. Vielleicht entwickelt es spannende neue Technologien, entschlüsselt alte Rätsel der Natur oder fliegt zum Mars. Vielleicht ist es die eine Person, die mit ihrem Einsatz maßgeblich dafür sorgt, dass der Klimawandel aufgehalten wird und auch ihre Nachkommen noch etwas von der Erde haben.

„Der Neubeginn, der mit jeder Geburt in die Welt kommt, kann sich in der Welt nur darum zur Geltung bringen, weil dem Neuankömmling die Fähigkeit zukommt, selbst einen neuen Anfang zu machen, d.h. zu handeln.“, schreibt Hannah Arendt in ihrer Vita activa und führt damit die Natalität als Grundbedingung menschlicher Existenz ein: Ohne die Fähigkeit, neu zu denken und zu handeln, wären wir Menschen nicht denkbar. Dass jede und jeder von uns seinen oder ihren ganz persönlichen Neubeginn macht, macht uns als Menschheit erst aus. Und vielleicht passt dieser Text über Neuanfänge ja auch irgendwie zu Silvester und dem Beginn eines neuen Jahres.

Es werde Licht

Brille + Mundschutz = beschlagene Brille. Nicht immer, aber häufig. Das nervt in fast allen Lebenslagen, denn für mich ist keine Brille auch keine Lösung – die Welt verschwimmt ohne Brille viel zu schnell. Zum Glück kenne ich den Heimweg gut genug, damit mir das egal sein kann. Ich laufe einfach weiter mit meiner beschlagenen Brille. Und siehe da: Um die Straßenlaternen herum erscheinen plötzlich kleine Regenbogenkreise. Und um das grün leuchtende Firmenlogo auf der anderen Straßenseite. Um die Scheinwerfer der Autos drüben auf der Straße. Um die kleine Wegbeleuchtung am Spielplatz. Und auf einmal ist der Heimweg ein regenbogenbuntes Farbenspiel mitten in einer dunklen Nacht.

Überraschende Wendung

Es ist spät am Abend, ich bin in der U-Bahn nach Hause, als drei vielleicht Sechzehnjährige einsteigen und im Vierersitz neben mir Platz nehmen. Sie sprechen sich gegenseitig mit „Jo, Digga“ an, tragen Lederjacke oder Mütze in Fußballvereinsfarben, kommen offenbar gerade vom Weihnachtsmarkt und ich schiele etwas misstrauisch zu ihnen hinüber, weil diese Art von Typen erfahrungsgemäß öfters für eine unruhige Fahrtzeit sorgt. Ihr erstes Gesprächsthema ist dann auch gleich der Glühwein Strägstrich Alkoholkonsum im Allgemeinen. „Ey, du hast jetzt gar keinen Glühwein getrunken oder was?“ Doch statt, wie ich erwartet hatte, den Nicht-Glühweintrinker deshalb ins Lächerliche zu ziehen, hören sich die anderen beiden seine Geschichte vom Glühwein-Vollrausch vor zwei Jahren, der für eine entsprechende Abstinenz sorgt, ruhig an und kommen zu dem Schluss, dass es ja eigentlich ganz gut sei, zu wissen, wann das eigene Limit erreicht ist. Nächstes Thema: Die dunkle Jeans des einen hat durch die Waschmaschine hellere Streifen bekommen – Mutti ist schuld. Sie denken darüber nach, woran es wohl gelegen haben könnte – vielleicht mit den falschen Sachen gewaschen -, und gerade als ich anfange, mich darüber zu ärgern, dass diese jungen Männer offenbar keine Ahnung vom Wäsche waschen haben, solche Aufgaben ganz geschlechterklischeehaft ihren Müttern überlassen und sich dann darüber aufregen, wenn mal etwas schief geht, kommt ganz gelassen vom Streifen-Jeans-Träger: „Sie muss ja auch voll viel Wäsche machen, für meine Oma und meinen Bruder und meinen Papa und mich… da passieren halt mal Fehler, ist ja nicht schlimm.“ Und Mr. Lederjacke erzählt von seinem weißen Lieblings-T-Shirt, das nach der Wäsche rosa war: „Aber ich habs trotzdem angezogen. Ist doch Blödsinn, dass Jungs kein Rosa tragen können.“ Seine Freunde pflichten ihm bei, widerlegen für sich das Vorurteil, dass nur schwule Männer Pink trügen und lästern dann noch ein bisschen über jene, die das Wort schwul als Schimpfwort benutzen, ohne seine Bedeutung zu kennen. Als ich aussteigen muss, geht es um Schuhe: „Digga, es gibt nur zwei Sachen, bei denen ich nicht aufs Geld schaue, Elektronik und Schuhe. Ey, da steht dein ganzes Gewicht drauf! Die hier waren zwar nicht günstig, aber dafür lauf ich wie auf ner Wolke.“

Und als ich vom Bahnhof nach Hause laufe, denke ich darüber nach, wie erfrischend es ist, wenn die eigenen Stereotype einfach mal aufgemischt und über den Haufen geworfen werden. „Die heutige Jugend“ – ist doch eigentlich auf einem ganz guten Weg.

Liebe, Geld, Gleichberechtigung, Lebensträume und solche Sachen

Gerade habe ich meinen gut bezahlten Job mit einem weniger guten Arbeitsklima, aber dennoch einigen sehr liebenswerten Kollegen gekündigt, um im nächsten Jahr ein hundsmiserabel bezahltes, auf zehn Monate befristetes Volontariat in einer ganz anderen Branche zu machen, von dem ich hoffe, dass es mir zusammen mit dem Studienabschluss berufliche Türen öffnen kann. Im Moment schwanke ich quasi minütlich zwischen Hochgefühl – endlich die lang ersehnte Veränderung! – und einer diffusen Existenzangst – wer kündigt schon einen unbefristeten Vertrag im öffentlichen Dienst?

Zu den widerstreitenden Gefühlen in mir drin kommen noch all die Meinungen aus meinem Umfeld, die zwischen optimistischer Risikobereitschaft und totalem Verzweifeln über diesen finanziellen und sicherheitstechnischen Abstieg alle Nuancen abdecken. Ein Teil des Umfelds ist Monsieur, der den Wechsel an sich recht kritisch betrachtet, mir aber seine Rückendeckung dafür versprochen hat. Die Rückendeckung wird, da wir gemeinsam wohnen und entsprechend gemeinsam unser Leben finanzieren, auch finanzieller Natur sein. Und da wird es für mich insofern kritisch, als dass eines der großen Mantras, die ich von klein auf von meiner Mutter eingeimpft bekommen habe, lautet: „Mach dich niemals von einem Mann abhängig! Sei selbstständig!“ Mein großes Thema im kommenden Jahr wird also die Frage sein, wie Gleichberechtigung in einer Beziehung funktionieren kann, wenn sehr große Einkommensunterschiede bestehen. Tatsächlich merke ich, dass ich jetzt schon sensibler auf entsprechende Themen reagiere – ob es sich nun darum dreht, wer den Wochenendeinkauf oder die Tankfüllung zahlt, wer Geschenke für die liebe Verwandtschaft besorgt und wer sich im Haushalt stärker einbringt. Zum Beispiel: Sollte sein größerer finanzieller Aufwand für eine bestimmte Sache durch einen größeren zeitlichen Aufwand von mir aufgewogen werden? Ist das fair (weil jeder leistet, was er kann) oder unfair (weil jeder von uns gleich viel Zeit hat, er aber deutlich mehr Geld, wodurch sein Anteil relativ gesehen kleiner ist)? Wessen „Schuld“ ist es, dass ich deutlich weniger verdienen werde? Ist es eine Glück/Pech-Sache? „Verdient“ er sein besseres Gehalt dadurch, dass er mit seiner Arbeit auch gelegentlich unzufrieden ist, aber aus Sicherheits- und Komfortinteressen nicht über einen Wechsel nachdenkt, während ich es ebenfalls hätte aussitzen können, aber um eines besseren Arbeitsklimas willen lieber ein Risiko auf mich nehme? … Fragen über Fragen, die im nächsten Jahr, wenn das Thema akut wird, sicher noch an Relevanz zunehmen werden.

Ein anderes damit verknüpftes Thema sind die Vorstellungen, die ich mir als Kind oder Jugendliche von meinem Erwachsenenleben machte. In meiner Fantasie wäre ich zum Beispiel mit spätestens 26 Mutter geworden. Ungefähr um meinen 25. Geburtstag herum wurde mir klar, dass das wohl eher unrealistisch sein dürfte und änderte die Vorstellung in „das erste Kind aber vor 30“. Inzwischen steht mein 29. Geburtstag vor der Tür und unabhängig davon, dass Monsieur und ich uns in der Kinder-oder-keine-Kinder-Frage nicht mehr ganz einig sind, ist klar, dass, falls wir überhaupt welche bekommen sollten, das keinesfalls vor meinem 30. Lebensjahr stattfinden wird – das werde ich schließlich in diesem Volontariat verbringen, mit dem ich meinen Berufsweg in eine andere Richtung lenken möchte. Und danach folgt im Idealfall eine neue, „richtige“ Anstellung, in der ich mich ebenfalls erst bewähren müsste – Elternzeit ist also auch dann nicht gerade passend. Das bedeutet also, dass ich mich von liebgewonnenen Überzeugungen (liebgewonnen, obwohl ich selbst nicht mehr weiß, wie sehr ich noch damit übereinstimme) verabschieden muss. Ein sicher nötiger, aber auch etwas schmerzhafter Prozess. Aber wie sagte schon Einstein (zumindest laut Postkartenweisheiten)? „Leben ist wie Fahrradfahren – wer stehenbleibt, verliert die Balance.“ Also vorwärts, im Vertrauen darauf, dass sich zeigen wird, was gut ist.

Turbulente Ruhe

Es ist jetzt einen guten Monat her, dass mein Studium auch ganz offiziell abgeschlossen ist und ich damit theoretisch das erste Mal seit sechseinhalb Jahren keine Verpflichtungen mehr habe, wenn ich nach der Arbeit nach Hause komme. Das ist nach wie vor ein verrücktes Gefühl, denn ich kann schlecht damit umgehen und neige dazu, unproduktiv vor Facebook oder in mich wütend machenden Kommentarspalten zu versacken. Deshalb habe ich mir selbst ein paar Aufgaben gestellt: Ein großes Ziel ist es, mit dem Studienabschluss einen neuen Job zu finden. Dafür schreibe ich nun fleißig Bewerbungen (verbringe aber auch unnötig viel Zeit auf Xing und Co); möchte meine Photoshop-Kenntnisse auffrischen und ausbauen; trotz des Suchtpotentials mehr auf Instagram und Twitter aktiv werden, da viele für mich interessante Jobs Social-Media-Kenntnisse voraussetzen; und dann habe ich spontan auch noch eine Rolle in einer studentischen Theaterinszenierung einer guten Freundin angenommen. Ach, und in zwei Monaten veranstaltet meine Tanzschule einen großen Ball, zu diesem Anlass will ich mir endlich mal wieder ein schönes, elegantes Kleid nähen (und entwerfen, und konstruieren). Ich merke also: Zum entspannten Nichtstun bin ich nicht geboren.